Ideelle und finanzielle Absicherung einfordern!

Ein  Interview mit Arne Kayser, Landesvorsitzender, Aidshilfe NRW, und Arndt Klocke MdL, Bündnis 90/Die Grünen.

Wie beurteilt ihr in der Rückschau das Zusammenspiel zwischen Präventionsarbeit und Politik bei Herzenslust?

Arndt Klocke: Die Zusammenarbeit hat sich bewährt, was man auch am Erfolg der Kampagne sehen kann. Herzenslust ist zu einer etablierten Marke in der Aidsprävention in NRW geworden. Meilensteine würde ich daran festmachen, wo es besonders hohe Aufmerksamkeit gab. Also, sicherlich beim Beratung und Test- Mobil, das auf den Raststätten unterwegs war und bei den großen gemeinsamen Auftritten etwa bei den Gay Games 2010 und bei allen CSDs der letzten Jahre.

Arne Kayser: Ich kann da Arndt nur recht geben, ohne dieses Zusammenspiel wäre Herzenslust nicht zu dem geworden, was es heute ist. Damals, Anfang der Neunzigerjahre widmeten die Aidshilfen lediglich 10 Prozent ihrer Arbeitsressourcen dem Bereich der Primärprävention. Es war also an der Zeit, neben der Betreuung und Pflege von an Aids erkrankten Menschen etwas Neues zu entwickeln und das Thema Prävention deutlicher zu positionieren. Aufgrund dessen haben wir das Grundkonzept für die Herzenslust-Kampagne entwickelt. Zusätzliche Impulse erhielt die Kampagne durch die Finanzierung von Projekten der zielgruppenspezifischen Prävention, Beratung und Betreuung, die das Land NRW auch für das Arbeitsfeld Schwule und Aids zur Verfügung stellte. Es wurden nicht nur neue Inhalte für die Arbeit der Aidshilfen in NRW entwickelt, sondern auch eine völlig neue Form der Mittelvergabe: Die Mitgliederversammlung legte Kriterien für die Vergabe der Fördermittel und die Strukturen für die Projektumsetzung in Abstimmung mit der Aidskoordination des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW fest. Beginnend mit den ersten Gesprächen mit dem damaligen Staatssekretär Bodenbender und der SPD-Fraktion über die Unter- stützung durch die Landtagsabgeordneten Bodo Champignon und Wolfram Kuschke stehen wir bis heute in einem guten Dialog mit der Politik. Das hat sich, unabhängig davon, welche Konstellation auf Landesebene regierte, Schwarz-gelb oder Rot-grün, nicht verändert. Wir können behaupten, dass unsere Anliegen immer Gehör fanden. Wir haben es auch immer geschafft, Kürzungs- szenarien abzuwenden. Darauf können wir durchaus stolz sein. Auch wenn der Etat während der Amtszeit von Gesundheits- ministerin Barbara Steffens durchaus gestiegen ist, gibt es im Herzenslust-Bereich immer wieder Projekte, die aufgrund des limitierten Budgets nicht gefördert werden können.

Arndt, warum ist es der Politik wichtig, Präventionsarbeit für schwule Männer, wie Herzenslust sie leistet, zu unterstützen?

Arndt Klocke: Es geht darum, Zugänge zu Menschen zu schaffen. Wir sind uns sicher, dass das besonders gut gelingt, wenn man dafürglaubwürdigeMenschenundKampagnenausderCommunity selbst unterstützt. Manchmal muss man Beiträge für die Aids- prävention mühsam erkämpfen, während in anderen Bereichen schon mal Milliarden verschoben werden. Entscheidend ist, dass die Arbeit weitergehen muss. HIV hat ein Stück weit an Schrecken verloren, weil es bessere Medikamente gibt. Aber trotzdem ist es enorm wichtig, insbesondere auch junge Menschen, die neu in die Szene kommen, darüber zu informieren, wie gefährlich es weiterhin ist, sich mit HIV anzustecken.

Was erwartet ihr, Herzenslust und die Aidshilfe NRW, von der Politik?

Arne Kayser: Ich habe Angst vor einem gesellschaftlichen Roll- back, wie er an der Kampagne gegen den Bildungsplan in Baden-Württemberg sichtbar wird. Auch das Projekt SchLAu NRW ist mit seiner Aufklärungsarbeit an Schulen in die Kritik geraten. Wir müssen immer wieder dafür werben, dass die schwule Lebens- welt ein Bestandteil politischer Daseinsfürsorge bleibt und dass die Strukturen, in und mit denen wir arbeiten, wichtig sind. Nur wenn wir die Möglichkeit haben, über unsere Anliegen inhaltlich zu diskutieren, kann die ideelle und finanzielle Absicherung gelingen. Beispielhaft ist hier das Beratungs- und Test-Projekt. Es war ein wichtiges Zeichen, dass der damalige CDU-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann das Vorhaben öffentlich unterstützt hat.

Arndt, wie geht es dir, wenn du als Politiker mit solchen Erwartungen zu tun bekommst?

Arndt Klocke: Die Zuschüsse an Vereine, Gruppierungen und Initiativen werden jedes Jahr erneut in den Haushaltsverhand- lungen verabschiedet. Es gibt ja auch neue Fragestellungen, Ansprüche und Themen. Hier passt das Bild von einer Bettde- cke, wo an allen Ecken gezogen wird und man dann feststellt, dass nicht alle Füße darunterpassen. Ich sehe es als meine Auf- gabe, weiterhin dafür zu werben, dass man in der Aidsarbeit einen entsprechenden Etatansatz für Prävention hält oder,  wenn es möglich ist, auch ausbaut.

Was wünscht ihr euch im Zusammenspiel zwischen Politik und Herzenslust für die Zukunft?

Arndt Klocke: Ich wünsche mir, dass es weiterhin so eine gute Lobbyarbeit gibt, die in der Politik ankommt, und dann natürlich auch, dass sich Herzenslust und die Aidshilfen mit den Frage- stellungen der Zeit im Aidsbereich weiterentwickeln. Da ist es für uns gut, wenn Herzenslust die Themen vorgibt, bei denen Hand- lungsbedarf gesehen wird.

Arne Kayser: Strukturelle Prävention bleibt bei allen medizi- nischen Fortschritten unerlässlich: Die gesellschaftliche und politische Absicherung der Präventionsstandards,  wie  etwa die Vermittlung von Kenntnissen und Fähigkeiten für ein informiertes, eigenverantwortliches Handeln, die Schaffung und der Erhalt von Rahmenbedingungen, die dies ermög- lichen, sowie die Solidarität mit Menschen mit HIV und den besonders von HIV bedrohten Gruppen. Dafür braucht man strukturelle, finanzielle und personelle Ressourcen. Ich fordere von der Politik inhaltliche und finanzielle Bekennt- nisse zur Herzenslust-Arbeit. Wie entwickeln wir kultursensible Angebote oder wie erreichen wir schwule Männer, die beim Sex Drogen konsumieren, sind aktuelle Fragen der Prävention. Wir müssen von der Politik geeignete Rahmenbedingungen erhalten, um diesen Herausforderungen mit aller Qualität begegnen zu können.

Aktuelles

Erstmals deutlicher Rückgang der HIV-Neudiagnosen an großen Londoner Kliniken

NewsEs klingt nach einer kleinen Sensation: Nach Jahren mit gleich bleibenden oder steigenden HIV-Diagnosen bei schwulen Männern ist ihre Zahl im Jahr 2016 an vier großen Kliniken für...   mehr

Englischer Gesundheitsdienst NHS plant große Studie zur HIV-PrEP

NewsDer National Health Service (NHS) England will die HIV-PrEP im Rahmen einer groß angelegten Studie mit mindestens 10.000 Teilnehmer*innen finanzieren. Das gab der englische Gesundheitsdienst...   mehr

totgeschlagen - totgeschwiegen

NewsAuch 2017 luden am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz die Landesverbände zum Gedenken an die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus ein. Vertreter_innen des...   mehr

Für zwei Kampagnen: Deutsche AIDS-Hilfe sucht Menschen mit HIV

News Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) hat im Jahr 2017 Großes vor:  - Im Mai startet eine Kampagne zur Vermeidung von Spätdiagnosen: Bis 2020 soll in Deutschland niemand mehr an Aids...   mehr

Umfrage "Out im Office?!" 2017

NewsSeit der letzten groß angelegten Befragung zur Arbeitssituation lesbischer und schwuler Beschäftigter "Out im Office?!" sind zehn Jahre vergangen. In der Zwischenzeit hat sich einiges...   mehr

HIVreport mit dem Schwerpunktthema PrEp

NewsDer neue HIVreport mit dem Schwerpunktthema PrEp ist da. Themen sind diesbezüglich Zugang: Verfügbarkeit in Europa, Sicherheit: Generika übers Internet, PrEP nach Bedarf:  Das...   mehr

"You're Welcome - Mashallah!" ist online

News Hierbei handelt es sich um ein kultursensibles HIV/STI-Präventionsangebot für männliche Migranten, die Sex mit Männern haben. Das Projekt wird von den Aidshilfen in Bochum,...   mehr

Projektscouts für "Mitmischen in NRW" gesucht!

NewsUnter dem etwas sperrigen Titel „Landesweite Vernetzung der Selbsthilfe von Menschen mit HIV/Aids - Stärkung, Qualifizierung und Beteiligung“ hat am 1. März 2017 ein auf der...   mehr

Socke & Schuss

Wie alles begann ...

Socke & Schuss lernen sich auf tragische Weise beim Waschgang kennen und begleiten herzenslust in der schönen, schwulen Welt ...

Auf Facebook weiterlesen