Prävention und Medizin

Ein Interview mit Jochen Drewes, Dr. Dipl.-Psych., Berlin und Dr. Andreas Bellmunt, Allgemeinmediziner, Schwerpunkt HIV, Dortmund.

Was zeichnet aus eurer Sicht erfolgreiche HIV- und STI-Prävention für schwule Männer aus?

Jochen Drewes: Als Gesundheitswissenschaftler würde ich sagen, dass Prävention immer das Ziel haben muss, HIV- und STI-Inzidenzen  zu  senken,  also  weniger   neue   Infektionen zu haben. Um zu diesem Ziel zu gelangen, muss man  natür-  lich viele Zwischenschritte einlegen. Man muss Wissen und Kompetenzen vermitteln, man muss zu eigenverantwortli- chem und selbstbestimmtem Handeln befähigen, man muss Stigmatisierung bekämpfen usw.

Andreas Bellmunt: Prävention darf sich nicht auf HIV be- schränken, sondern muss auch Kenntnisse über alle anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen vermitteln. Man muss zum Beispiel lernen, dass man sich immer wieder mit einer Syphilis oder mit Hepatitis C anstecken kann. So entsteht erst ein rundes Bild.

Wie können die biomedizinische Prävention und die Verhaltens- und Verhältnisprävention miteinander in Einklang gebracht werden? Zum Beispiel bei der derzeit so viel diskutierten PrEP?

Jochen Drewes: Ein Medikament zu haben, das präventiv vor HIV schützen soll, reicht alleine nicht. Man muss erst einmal den Weg zum Arzt finden und sich trauen, offen über Sexualität, HIV und STI zu sprechen. Wenn Menschen Probleme mit ihrer Homo- sexualität haben, werden sie dieses beim Arzt nicht thematisieren. Es gibt immer gesellschaftliche Strukturen oder Bedingungen, die vorhanden sein oder bereitgestellt werden müssen, damit auch biomedizinische Prävention wirkt.
 
Andreas Bellmunt: Jedes Mal, wenn ich als Arzt eine Pille in irgendeinem Kontext anbiete –  sei  es  gegen  Diabetes  oder  sei es als Postexpositionsprophylaxe bei HIV – dann muss ein Aufklärungsgespräch geführt werden. Der Patient  muss  wissen, was er sich da einwirft und warum, welche möglichen Neben- wirkungen es gibt und wann er das besser nicht machen  sollte.  Hier geht es um ganz persönliche und intime Verhaltensweisen von Menschen. Da muss man ganz besonders sorgfältig und sensibel aufklären und darf nicht einfach das Rezept über den Tresen reichen.

Welche Rolle kann dabei Herzenslust spielen?

Andreas Bellmunt: Herzenslust ist wichtig, weil hier die Informationen von Mitgliedern der Community an andere Mitglieder der Community vermittelt werden. Es macht ja auch den Charme des gesamten Projekts aus, dass hier keine Gesundheitsbehörde agiert.

Jochen Drewes: Herzenslust sorgt dafür, dass ein Klima geschaffen wird, in dem sich schwule Männer stolz zu ihrer Homosexualität bekennen und dann präventiv tätig werden, also sich selbst schützen und beim Arzt offen über ihre Sexualität reden können.

Was können die Akteure aus den Bereichen Medizin, Sozial- wissenschaften und Gesundheitsselbsthilfe aus 30 Jahren HIV-Prävention lernen?

Jochen Drewes: Die HIV-Prävention ist schon herausragend, was die Zusammenarbeit von Medizinsystem, Sozialwissenschaften und Prävention betrifft. Da hat man viel voneinander gelernt. Auf anderenmedizinischenKongressenbringenmeistkeineBetroffenen ihre Perspektiven ein, da liegt kein großer Fokus auf der Prävention, da bringt man auch nicht verschiedene Berufsgruppen, die in einem Feld arbeiten, zusammen. Das macht, glaube ich, auch einen Teil des Erfolgs der HIV-Prävention aus.

Welche Anforderungen werden die Präventionsarbeit der Zukunft prägen?

Jochen Drewes: Meiner Meinung nach ist HIV immer noch zu stark stigmatisiert, zu sehr dramatisiert, als dass wir einen normalen Umgang damit haben können. Das erschwert die Kommunikation zwischen HIV-Positiven und (vermeintlich) HIV-Negativen. Und Kommunikation wird immer wichtiger, wenn wir sehen, dass es immer mehr Menschen gibt, die Risikomanagementstrategien als Alternative oder Ergänzung zur Kondomnutzung betreiben. Das kann ohne Kommunikation und auch ohne Wissen zum Beispiel über die Akutinfektion, die ja offensichtlich der Treiber der Epidemie in Deutschland ist, nicht funktionieren. Wissens- und Kompetenzvermittlung, insbesondere auch in der Beratung zum HIV-Test, werden eine entscheidende Rolle spielen. Und auch das Themenfeld Drogengebrauch beim Sex wird uns verstärkt beschäftigen. Hier brauchen wir weiter communitybasierte Projekte wie Herzenslust, die flexibel und schnell zielgruppen- gerecht aktuelle Themen aufgreifen können

Andreas Bellmunt: Ich denke, dass es eine zunehmende Zahl von geouteten und selbstbestimmt lebenden Schwulen geben wird, die immer älter werden. Auf die sich dann ergebenden Fragen zu Sexualität im Alter muss man sich einstellen. „Wie kann ich safer bleiben? Muss ich Risiken eingehen, um überhaupt noch jemanden abzukriegen?“ oder Ähnliches. Da muss man sein Ohr nah an der Community haben. Ich glaube, dafür bietet Herzens- lust die richtige Plattform.

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