Herzenslust im Ruhrgebiet

Ein Interview mit Marco Grober, AIDS-Hilfe Düsseldorf und Martin Ocepek, AIDS-Hilfe Essen.

Was macht die Herzenslust-Arbeit in euren Städten aus?

Marco Grober: Düsseldorf ist die Stadt mit der zweitgrößten Szene-struktur in Nordrhein-Westfalen. Wir haben hier ein vielfältiges Angebot an Saunen und Kneipen. Fast jedes Wochenende gibt es eine große Party. Bei vielen sind wir mit Aktionen vor Ort dabei. Wir machen aber auch aufsuchende Arbeit in den Kneipen.

Martin Ocepek: Auch wir in Essen  machen  Vor-Ort-Arbeit  in den Szenelokalitäten. Mit unseren Aktionen im Fetischclub und anderen Kneipen erreichen wir ein überregionales Publikum. Im Essen X-Point der Aidshilfe bieten wir in Kooperation mit dem Ge- sundheitsamt einen HIV-Schnelltest und auf Wunsch weitere Tests auf Chlamydien oder Tripper an. Unterstützt werden wir von vie- len engagierten Herzenslust-Ehrenamtlern bei unseren Angeboten und Präventionsveranstaltungen im Haus und in der Szene.

Wie unterscheidet sich die Arbeit in Mittelzentren wie Düsseldorf oder Essen von der Arbeit in einer Metropole wie Köln?

Marco Grober: In Köln ist das hauptamtliche Team deutlich größer, da gibt es eine Arbeitsteilung: Der geht in die Kneipen, der ist für das Internet zuständig, der ist der kreative Kopf. Wir versuchen in Düsseldorf mit 1,5 Stellen die gesamte Bandbreite abzudecken. Wir haben kein Wochenende, das gleich ist, weil wir auf die Unterschiedlichkeit der Veranstaltungen eingehen müssen. Wir haben die Großpartys mit Hunderten oder Tausenden von Besuchern, aber auf der anderen Seite auch kleine Lesungen für ein intellektuelleres Publikum.

Martin Ocepek: Das kann ich für Essen nur bestätigen. Auch wir versuchen irgendwie alles abzudecken, was man abdecken kann. Wir machen Angebote, die für die Szene und die Community interessant sind, und laden zu Veranstaltungen ein. Wichtig ist, dass wir immer etwas präsentieren, um Interesse zu wecken.

Die Vor-Ort-Arbeit in Düsseldorf hat eine lange Tradition. Wie hat sie sich seit dem Start von Herzenslust entwickelt?

Marco Grober: Mit dem Start von Herzenslust fingen wir an, die Einsätze unter bestimmte Mottos zu stellen. Als Erstes waren wir als Bauarbeiter mit entsprechenden Outfits unterwegs. Später als SaniTrinen und  dann  als  Gaywatch  in  Anlehnung an die Serie Baywatch. Irgendwann wollten wir eine eigen- ständige Marke und damit eine Identität schaffen. Wir haben 1999 die Health!angels für Düsseldorf etabliert. Seit nunmehr 16 Jahren gibt es die Health!angels jetzt und es werden immer wieder neue Aktionen umgesetzt.

Ihr geht in beiden Städten zusätzlich zu bestehenden Test- und Beratungsangeboten in die schwulen Saunen. Mit Der Doktor kommt bzw. Der Arzt kommt bietet ihr so verschiedene STI-Checks direkt in der Szene vor Ort an. Warum ist das so ein wichtiger Baustein eurer Arbeit geworden?

Martin Ocepek: Weil man  da  ganz  anders  Leute  erreicht.  Die, die ohne Weiteres nicht regelmäßig zum Test gehen und das Angebot einfach eher nutzen, wenn sie es „nebenher“ präsentiert bekommen.

Marco Grober: Ich erinnere mich, dass einer der Saunabetreiber auf uns als Herzenslust-Gruppe zugekommen  ist.  „Wir  haben so etwas in den Niederlanden gesehen, könnt ihr euch so ein Angebot auch für Düsseldorf vorstellen?“ Eine Superidee, fanden wir, nahmen Kontakt mit dem Gesundheitsamt auf und stießen dort sofort auf offene Ohren. 2001 fingen wir an. Ein Stück weit ist das auch ein Signal des öffentlichen Gesundheitsdienstes: Wir gehen dahin, wo die schwule Szene ist und Sex stattfindet. Das haben die schwulen Männer gut angenommen. In der Sauna  bist du viel direkter im Kontakt, viel schneller beim Thema und hast die Möglichkeit, auf Risiken einzugehen oder Halbwissen zu klären. Es ist den Leuten relativ egal, ob jemand mitbekommt, dass sie zum Testangebot gehen. Sie wackeln mit ihren Urin- bechern quer durch den Laden, das ist alles ganz entspannt.

In Essen ist Herzenslust Teil von Essen X-Point und Café [iks]. Was ist das Besondere an so einer von der Aidshilfe getragenen Anlaufstelle?

Martin Ocepek: Das sind die vielfältigen Angebote, Spieleabende, Gruppen für schwule Väter wie für Menschen mit einer körper- lichen Behinderung, für die älteren Schwulen oder für Schwule über 30. Das Café [iks] und das Essen-X-Point sind Bindeglieder zur Szene und das erleichtert vielen den Zugang zur Aidshilfe. Im Café [iks] treffen sich auch die verschiedenen Teile der Aidshilfearbeit: Migration, Herzenslust, Sexwork und die Positivenselbsthilfe. Das fördert die interne Vernetzung und Zusammenarbeit.

Ihr habt in Essen auch Fetischworkshops veranstaltet. Wie kam es dazu?

Martin Ocepek: Bei jedem Fetisch gibt es etwas anderes zu be- achten. Wir kamen auf die Idee, gemeinsam mit dem Fetisch- laden  Drexx  Workshops  zu  Themen  wie  Fisten,   Fesseln   oder Pissen zu entwickeln. Er besteht zunächst aus einem theoretischen Teil mit einem Arzt des Universitätsklinikums Essen. Und − mit Freiwilligen − dann halt auch aus einem praktischen Teil. Mit diesem innovativen Angebot erreichen wir so auch einen Teil unserer Zielgruppe, den wir mit „Standard- angeboten“ eher nicht erreichen.

Was wünscht ihr euch von Herzenslust für die Zukunft?

Martin Ocepek: Ich finde es wichtig, dass die Aufgeschlossen- heit bleibt und man nicht mit erhobenem Zeigefinger durch die Gegend läuft. Und dass Herzenslust auch weiterhin als Teil der Szene verstanden wird.
 
Marco Grober: Die Kontinuität der Arbeit bei Herzenslust über 20 Jahre hinweg ist schon ein wesentliches Kriterium für den Erfolg. Als ich anfing, standen HIV und Aids im Mittelpunkt unserer Arbeit. Dann kam die Prävention von Hepatitis und anderen STI dazu. Auch die mann-männliche Prostitution hat in Düsseldorf einen Schwerpunkt. Das Internet ist ein großes Thema geworden. Migration ist in Düsseldorf seit zwei, drei Jahren ein zentrales Thema. Ich wünsche mir für Herzenslust weiterhin die Offenheit, die Entwicklungen und Veränderungen in der Szene aufzugreifen.

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