Jung und schwul mit Herzenslust

Ein Interview mit Jürgen Rausch, Youthworker, Sunrise, Dortmund und Jürgen Piger, Youthworker, anyway, Köln.

Was unterscheidet die Präventionsarbeit mit schwulen Jugendlichen von der mit schwulen Erwachsenen?

Jürgen Piger: Wirarbeitenjaineinemschwul-lesbischen Jugend- zentrum und haben eine enge Beziehung zu unseren Besucher- innen und Besuchern, da diese regelmäßig bei uns sind. Wir kennen deren Lebensgeschichte  und  ihre  Hobbys.  Deshalb ist die Herangehensweise eine ganz andere als bei  Herzens- lust mit erwachsenen schwulen Männern. Ich  glaube,  dass  wir sogar einen großen Vorteil haben – weil wir  so  nahe an den Jugendlichen dran sind, können wir die HIV- und STI-Prä- vention in unsere gesamte Arbeit einbetten. Häufig spricht jemand diese Themen spontan an und daraus ergibt sich oft  ein Gespräch, ob zu zweit oder auch mit mehreren in einer kleinen Gruppe im Café. Bei tiefer gehenden Fragen ver- einbaren wir ein gesondertes Beratungsgespräch. In den Videos, die wir im Rahmen unserer Medienarbeit produzieren, ist HIV- und STI-Prävention ein Thema. Aber das Hauptaugen- merk wird eher auf das Coming-out von schwulen Jugendlichen gelegt. Nur wenn sie sich selber so mögen, wie sie  sind,  können sie ein selbstbestimmtes und selbstbewusstes Leben führen und sich auch der eigenen Gesundheit widmen.
 
Jürgen  Rausch:  In  Dortmund  sieht  das  ganz   ähnlich   aus. Wir machen begleitende Lebensberatung für Jugendliche und  da gehört natürlich Gesundheit ganz essenziell mit dazu. Für Jugendliche im Coming-out ist alles neu. Sie entdecken ihren eigenen Körper, ihre eigene Sexualität. Da stehen wir mit Rat und Tat zur Seite. Wir bieten auch spezielle Workshops und Themen- abende an. So alle halbe Jahre steht HIV und Gesundheit auf dem Plan. Im Alltag eines schwul-lesbischen Jugendzentrums kommt es immer wieder automatisch dazu, dass über Sexualität geredet wird. Darüber kommt dann auch immer wieder schnell ein Gespräch zu HIV, STI und Prävention zustande.

Jürgen Piger: Im anyway haben wir Jugendliche und junge Erwachsene im Schnitt von 14 bis 25, das Durchschnittsalter bei den Jungs ist 20 Jahre. Da läuft viel Peer-to-Peer ab, das heißt, die Älteren beraten die Jüngeren und merken gar nicht, dass das eine Beratungssituation ist. Im anyway4u-Team beraten Jugend- liche andere Jugendliche per E-Mail. Dafür machen pro Jahr sechs bis zehn Berater die Basisschulung bei Herzenslust mit.

Ist Prävention ein fester Bestandteil eurer Arbeit?

Jürgen Piger: In Köln haben wir das Glück, dass eine Youth- workerstelle extra dafür finanziert wird. Gerade bei Jugend- lichen ist es wichtig, die HIV- und STI-Aufklärung immer mit- zudenken. Aber ansonsten geht es generell darum, die Jugend- lichen in ihren Fähigkeiten und Ressourcen zu stärken,  damit sie selbstbewusst mit ihrer Sexualität umgehen, sich in diesem Kontext schützen und auch „Nein“ sagen können.

Jürgen Rausch: Wir haben jetzt  nicht  den  Luxus  einer  eigenen Stelle. Das Gute ist, dass wir Kooperationen pflegen können. Mindestens einmal im Jahr besuchen wir mit der Gruppe den pudelwohl-Laden.  Dann  ist  ja  praktisch  schon die nächste Generation an Jugendlichen am Start. Wir haben einen funktionierenden Austausch mit den Youthworkern, die Aufklärung in Schulen machen. Wir arbeiten auch mit dem Jugendamt, der Arbeiterwohlfahrt und dem Paritätischen Wohlfahrtsverband zusammen.

Wie wichtig sind Medienprojekte für eure Arbeit?

Jürgen Piger: Sie haben einen ganz großen Stellenwert. Mit Medienbeschäftigen sich die Jugendlichen gerne. Gerade bei Julian - junge Liebe anders war es wichtig, etwas zu machen, wo- von auch Jugendliche profitieren, die nicht in Großstädten leben. Das gilt auch für das Folgeprojekt Kuntergrau.

Jürgen Rausch: Auch bei uns spielen diese Projekte eine wichtige Rolle. Unser Medienpartner ist der Verein queerblick mit seinen Videos. Seit vier Jahren haben wir eine Redaktionsgruppe, die macht die Sendung Mittendrin – Der Sunrise-Talk für das Stadt- radio. Die jungen Menschen recherchieren die Themen selbst und diskutieren inhaltlich in der Redaktion, was am Ende gesendet wird. Auch körperliche und seelische Gesundheit kommt vor, oft tritt dann ein Mitarbeiter von Herzenslust als Interviewpartner auf. Für 2015 planen wir, gemeinsam mit pudelwohl, queerblick und Sunrise weitere Kooperationen.

Was erwartet ihr für die Präventionsarbeit der nächsten Jahre?

Jürgen Piger: In der Jugendarbeit müssen wir sehr aktuell sein. Ich glaube, es hängt ganz viel davon ab, was sich in den nächsten Jahren in der Forschung tut. Deswegen gibt es bei uns keine lang- fristige Planung, wie wir in Zukunft mit dem Thema HIV und STI umgehen.
 
Jürgen Rausch: Das einzige, was wir machen können, ist, auf der Höhe der Zeit zu bleiben, was sowohl die Form als auch den Inhalt angeht. Veränderungen und Innovationen müssen wir in unsere Arbeit integrieren. Auch neue Ansätze, das Thema Gesundheit in unsere Arbeit einzubinden, versuchen wir den Jugendlichen über den Peer-to-Peer-Ansatz zu vermitteln. Dafür ist es wichtig, dass sich diejenigen, die sich engagieren wollen, inhaltlich fit machen und dann auch Rede und Antwort stehen können. Wir brauchen finanzielle Mittel, um Projekte durchzuführen, aber auch den Rückhalt von Kooperationspartnern wie pudelwohl und der aids- hilfe, um uns im Alltäglichen getragen zu fühlen.

Was wünscht ihr euch von Herzenslust für die Zukunft?

Jürgen Rausch: Dass Herzenslust die jungen Schwulen weiterhin im Blick behält und uns als Kooperationspartner weiterhin so ernst nimmt und wertschätzt. Denn die Jugendlichen sind die nachwachsende Generation. Wenn der Einzelne selbstbewusst ist und sich gut aufgehoben fühlt, dann ist das auch gut für die Community. So können Themen wie Gesundheit, Prävention und Solidarität mit positiven Menschen auch Themen der Com- munity bleiben.
 

Jürgen Piger: Es wäre toll, wenn es öffentlichkeitswirksame HIV-/STI-Präventionskampagnen speziell für Jugendliche gäbe. Ich könnte mir vorstellen, dass Jugendliche mehr bei der Entwicklung gerade von größeren Herzenslust-Projekten eingebunden werden. Jugendliche akzeptieren nicht alles, was Erwachsene an Projekten entwickeln und ausarbeiten. Sie können und wollen selber ihre Lebenswelt mitgestalten. Es wäre eine schöne Idee, wenn Jugendliche aus verschiedenen Jugend- zentren zu einem Workshop zusammenkommen, um gemeinsam Projekte zu entwickeln.

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