Von der Coming-out-Beratung bis hin zu Beratungs- und Testangeboten

Mit der besseren Behandelbarkeit von HIV hat auch der HIV-Antikörpertest einen anderen Stellenwert in der HIV-Prävention erfahren. Es gibt viele Gründe, einen HIV-Test zu machen. Sei es als „Partnerschaftstest“, um auf das Kondom verzichten zu können, sei es zur eigenen Gewissheit nach einer Risiko­situation. Der Beweg­grund ist egal, wichtig ist, dass nur eine frühzeitig erkannte Infektion die besten Behandlungsmöglichkeiten bietet. Daher ist es sinnvoll, möglichst früh über seine HIV-Infektion informiert zu sein. So sind viele Testprojekte entstanden, bei denen Herzenslust vor allem darauf hingewirkt hat, dass mit dem Testangebot auch eine qualifizierte Beratung verbunden wird. Beratung und Test wurden seit 2008 so zu einem weiteren Kernprojekt szenenaher Auf­klärung. Und zeitnah wurde das Angebot von vielen Herzens­lust-Gruppen und Aidshilfen auch um Untersuchungen auf andere sexuell übertragbare Infektionen erweitert.

Mit Unterstützung der Techniker Krankenkasse konnte 2009 die Aidshilfe NRW ein umgebautes Wohnmobil anschaffen, mit dem es möglich war, auch in Outside-Cruising-Areas (etwa auf Autobahnparkplätzen) Vor-Ort-Prävention zu machen und Beratung und Test anzubieten. Aus Mitteln des MAC AIDS FUND konnte das Projekt eine Zeit lang weitergeführt werden. Leider erwies sich dieses Angebot jedoch auf Dauer als zu personal- und kostenintensiv. Unabhängig davon haben sich Test- und Beratungs­angebote zu HIV und anderen STIs mittlerweile als fester Bestandteil der Angebote von Aidshilfen und ihrer Herzenslust-Teams etabliert.

Des Weiteren beteiligt sich Herzenslust auch an der Gestaltung von „Checkpoints“ für schwule Männer, Bisexuelle und Männer, die Sex mit Männern haben, so auch in Dortmund, das als regionales Zentrum gilt. Im Jahr 2009 hat dort der schwule Gesundheitsladen pudelwohl eröffnet. Das Besondere daran ist die enge Kooperation des örtlichen Lesben- und Schwulen­zentrums KCR, mit der aidshilfe dortmund und dem Dortmunder Gesundheitsamt. Neben seinen niedrigschwelligen Test- und Beratungs-angeboten bietet der Laden Raum für die Aus­einandersetzung zu allen möglichen Fragen rund um schwule Gesundheit: in Gruppen, bei Aufklärungsveran­staltungen oder im Rahmen der schwulen Gesundheitstage. Auch in anderen Städten werden ähnliche Modelle bereits an­geboten, werden ausgebaut oder sind in Planung. Ziel ist es, niedrig­schwellig der primären Zielgruppe zu allen Fragen der schwulen (Männer-) Gesundheit Informationen, Beratung, Tests auf HIV und andere STI sowie perspektivisch auch medizinische wie therapeutische Behandlung anzubieten.

Der medizinische Fortschritt von Diagnostik und Therapie von HIV ist auch im Bereich der Primärprävention angekommen, und biomedizinische Ansätze tragen immer stärker zum Erfolg der HIV-Prävention bei. Dies geht vom Ansteckungsschutz bei einer erfolgreichen Kombitherapie, über die Einnahme von Medikamenten unmittelbar nach einem Risikokontakt Post­expositionsprophylaxe (PEP) bis hin zur derzeit stark diskutierten Prä­expositionsprophylaxe (PrEP).

Therapie als Prävention oder die PrEP sind − neben den klassischen Safer-Sex-Botschaften wie Ficken nur mit Gummi und Raus bevor’s kommt - ergänzende Hilfsmittel, um auf spezielle Bedürfnisse besonderer Zielgruppen reagieren zu können. Auch wenn Test und Therapie und andere biomedizinische Ansätze hilfreich sind, so ist deren Wirksamkeit in hohem Maße von sozialen und emotionalen Faktoren abhängig.
Im Mittelpunkt einer erfolgreichen und zeitgemäßen Prävention stehen nach wie vor Aufklärung, Information und Beratung für ein effektives Risikomanagement. Tests − egal welche − im Kontext der Primärprävention schaffen Beratungsanlässe, um Risikomanagement zu thematisieren.

Manuel Izdebski, Aidshilfe im Kreis Unna, und Alexander Lenz, Gesundheitsladen pudelwohl in Dortmund, im gemeinsamen Interview zum Thema schwule Gesundheit und den Angeboten von pudelwohl in dortmnund.

Wie ist das Projekt eines Gesundheitsladens in Dortmund entstanden?

Manuel Izdebski: Der Anstoß kam vom Herzenslust-Projekt Beratung und Test. Wir haben das Testangebot im KCR, im Schwulen­zentrum, eingeführt. Das ist damals eingeschlagen wie eine Bombe. Die schwulen Männer kamen von überall her, um sich testen zu lassen. In der aidshilfe dortmund kam parallel die Idee auf, gemeinsam so etwas wie einen schwulen Gesundheitsladen einzurichten, der auch das Stricherprojekt neonlicht integriert. Doch es war nicht so sicher, ob es gelingen würde, eine städtische Finanzierung in Anbetracht leerer Kassen und einer völlig überschuldeten Kommune hinzukriegen. Mit Frau Dr. Düsterhaus, der Leiterin des Gesundheitsamts, hatten wir eine große Für­sprecherin, die uns Türen geöffnet hat. Den Anschub fürs Projekt gab es über Gelder für zielgruppenspezifische Prävention der Aidshilfe NRW. Es ist uns auch gelungen, das schwul-lesbische Jugendzentrum sunrise mit ein­zubeziehen. Das war ein kleines Wunder.

Was macht die Arbeit von pudelwohl heute aus?

Alexander Lenz: Unsere Arbeit besteht hauptsächlich immer noch aus dem Testangebot, das dreimal im Monat stattfindet. Wir haben seit dem letzten Jahr einen der drei Termine zum großen STI-Check ausgeweitet. Die Schnelltests auf Syphilis und HIV und der Labortest sind kostenlos. Dazu haben wir Abstrich­unter­suchungen auf Chlamydien und Gonokokken, den Auslöser für Tripper, und den Labortest für Hepatitis-C-Antikörper. Dieses Angebot wollen wir nach Möglichkeit noch auf alle drei Termine ausweiten. Darüber hinaus bieten wir ein breites Spektrum an: Von der Coming-out-Beratung über Beratung zu Fragen sexueller Gesundheit bis hin zur Paarberatung für Partner, von denen einer HIV-positiv, der andere HIV-negativ ist. Seit 2011 trifft sich hier regelmäßig ShAlk, die Suchtselbsthilfe für Lesben und Schwule. Unsere Ehrenamtler engagieren sich beim Testangebot und in der Herzenslust-Gruppe, die Vor-Ort-Arbeit in der Szene macht.

Warum ist das Thema schwule Gesundheit so wichtig für ein Präventionsprojekt wie Herzenslust?

Manuel Izdebski: Weil schwule Gesundheit mehr ist als die Abwesen­heit von HIV oder irgendeiner anderen sexuell übertragbaren Krankheit. Wir hatten in früheren Jahren so einen Satz, der es immer so schön auf den Punkt gebracht hat: „Nur wer sich schätzt, der schützt sich auch.“

Alexander Lenz: Gerade für eine Kampagne wie Herzenslust ist es notwendig, sich mit dem Thema schwule Gesundheit ganzheitlich zu beschäftigen. Auch andere Faktoren, die schwule Männer krank machen können, kommen da ins Spiel. Dazu zählen zum Beispiel Probleme im Coming-out, Diskriminierungserfahrungen oder Suchterkrankungen, die ja auch unterschiedliche Auslöser haben können, Gewalterfahrungen oder auch das Thema Vereinsamung.

In den letzten Jahren ist im Internet eine neue Szene entstanden. Daraufhin ist 2006 die virtuelle Herzenslust gestartet und hat sich 2008 in den von der Deutschen AIDS-Hilfe koordinierten Health Support bei Gayromeo integriert. Könnt ihr euch erinnern, wie ihr dazu gekommen seid?

Manuel Izdebski: Ich glaube, wir waren hier im KCR und in der AIDS-Hilfe im Kreis Unna tatsächlich mit die Ersten, die beim Projekt mitgemischt haben. Die Szene in der realen Welt ist kleiner geworden, während auf der anderen Seite das Internet eine immer größere Rolle spielt. Es war sehr wichtig zu er­kennen, dass die virtuelle Welt auch Schauplatz von Vor-Ort-Arbeit sein muss. Als wir mit drei Beratungsprofilen beim Health Support losgelegt haben, sind wir regelrecht mit Anfragen bombardiert worden. Für viele schwule Männer war das eine sehr willkommene Gelegenheit, all ihre Fragen, die sie schon immer hatten, endlich einmal loszuwerden.

Wie bereitet ihr die Ehrenamtler auf den Health Support oder die Mitarbeit bei Beratung und Test vor?

Alexander Lenz: Wir schicken unsere neuen Ehrenamtler zu den entsprechenden Präventionsberater-Trainings von Herzenslust. Vor Ort unterstützen wir die Ehrenamtler bei schwierigen Fällen oder Fragen. Ansonsten gibt es die Begleitung im Rahmen eines ganz klassischen Ehrenamtsmanagements.

Manuel Izdebski: Die Ehrenamtler, die sich bei Herzenslust für das Beratungs- und Testprojekt ausbilden lassen, haben alle ein Zertifikat bekommen, das aber zeitlich begrenzt ist. Einmal im Jahr muss man zur Fortbildung, zum Updatetag. Dort gibt es so etwas wie einen TÜV-Stempel, der das Zertifikat um ein weiteres Jahr verlängert.

Welche Herausforderungen seht ihr in der Zukunft  für die Arbeit von pudelwohl?

Alexander Lenz: Da das Thema schwule Gesundheit vielfältiger geworden ist, wachsen natürlich auch die Herausforderungen. Auch die Vor-Ort-Arbeit wird immer schwieriger. Die Szeneläden in Dortmund schwinden und damit auch die Orte, in denen schwule Männer direkt angesprochen werden können.

Manuel Izdebski: Ich glaube, vor allen Dingen wäre es sinnvoll, dass die Leute nicht nur Beratung oder Test angeboten bekommen sollen, sondern, wenn erforderlich auch direkt eine Behandlung. Bei einem Tripper beispielsweise könnte man ihnen entsprechende Medikamente gleich mitgeben. Man weiß ja nicht, ob sie sich trotz positivem Test zum Arzt trauen oder sich in Grund und Boden schämen.

Und auf welche Herausforderungen sollte sich Herzenslust einstellen?

Manuel Izdebski: Heute heftet man sich nicht mehr unbedingt ein Label wie schwul an, um Sex oder eine Beziehung mit einem Mann haben zu können. So ein 23-Jähriger, der aufgrund seiner sexuellen Praktiken homosexuell ist, sich aber nicht als schwul identifiziert, hat mit einem schwulen Gesundheitsladen nicht unbedingt was am Hut, und Aids ist ja sowieso eine Sache der „alten Hasen“. Da wird es eine Kunst sein, die Leute zu erreichen. Der Anstieg der Neuinfektionen bei jungen Männern könnte auch damit zusammenhängen. Die haben mit der schwulen Welt gar nicht mehr so viel zu tun.

Alexander Lenz: Ich glaube, das Thema „Schwule Gesundheit im Alter“ wird an Bedeutung für Herzenslust gewinnen. Zum einen gibt es zunehmend HIV-Positive, die alt werden, zum anderen sind Einsamkeit, Depression, Suchterkrankung und Drogenkonsum oder aber auch allgemeine gesundheitliche Vorsorge­untersuchungen sicherlich Themen, die ältere schwule Männer anders betreffen als die junge Generation.

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