Älterwerden mit Herzenslust

Der Kongress Gay & Gray mit seinen 140 Teilnehmern im Jahr 1995 und der Folgekongress 1996 bildeten den Auftakt einer inzwischen immer besser strukturierten Selbst­organisation älterer schwuler Männer in Nordrhein-Westfalen. Es ist eine Art Bewegung entstanden, noch bevor sich nach 1996 die Behandlungsmöglichkeiten von Aids wesentlich verbessert haben und das Thema Älterwerden – auch mit einer HIV-Infektion – an Bedeutung gewann. Ältere schwule Männer sind mit Herzenslust sichtbarer geworden und mischen sich mehr ein.

Das Thema Älterwerden beschäftigt Herzenslust − und nicht nur, weil ältere schwule Männer auch Sex haben. Fragen, wie Älterwerden gestaltet werden kann, wie man im Alter wohnen will oder wie es ausschaut, wenn man auf Hilfe angewiesen sein wird, spielen hier eine wichtige Rolle. Nun ist die erste Generation schwuler Männer da, die die Emanzipationsbewegung der 80er- und 90er-Jahre wesentlich geprägt hat und die jetzt vor der Aufgabe steht, Modelle der eigenen Selbstverwirklichung und des Zusammenlebens mit anderen für ihr Alter zu planen.

Das Thema rund ums Älterwerden steht somit immer wieder im Fokus bei Workshops und Fachtagen. Der Kongress im Jahr 1997 Vielfalt in den Lebensformen – lesbische und schwule Familien und die darauf folgende Familienkampagne des Schwulen Netzwerks NRW thematisierte die Bedeutung von Wahlfamilien für die schwule Community. Eine schwule Erwachsenenfachtagung für die Generation zwischen Jugend und Alter mit dem Titel Jung zu sein, das ist nicht schwer, erwachsen sein dagegen sehr? im Jahr 1999, die Kampagne Die Szene bist Du! in den Jahren 2001 und 2002 oder der Runde Tisch Alles Gute zum Fünfzigsten führten diese Gedanken weiter.

Die daraus resultierenden Themen und relevanten Aufgaben sind vielfältig. Zum einen ist die Sensibilisierung ambulanter und stationärer Pflege sowie Betreuung für unterschiedliche Lebensformen, sexuelle Vielfalt oder Leben mit HIV dringend erforderlich. Aber auch die Unterstützung der Bildung sozialer Netzwerke der schwulen Community, die einen würdevollen Umgang mit Krankheit, Pflege und Tod ermöglichen, darf nicht vernachlässigt werden und der Dialog zwischen jüngeren und älteren schwulen Männern muss gefördert werden. Ebenso müssen die politischen, gesellschaftlichen und finanziellen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die dies unter Beachtung der Besonderheiten schwuler Lebenswelten ermöglichen.

Hier ein kurzes Interview zum Thema mit Georg Roth, rubicon Köln und Michael Jähme, ARCUS-Stiftung

Herzenslust hat sich von Anbeginn zum Ziel gesetzt, mit der Arbeit nicht nur in die Breite zu gehen, sondern gezielt einzelne Gruppen anzusprechen, darunter auch ältere Schwule. Was macht das Thema Älterwerden so wichtig für die Prävention?

Michael Jähme: Das ist leicht zu beantworten. Auch ältere Männer haben Sex. HIV ist in jeder Generation als Thema präsent. Es ist wichtig, für jede Altersgruppe passende und verlässliche Präventionsinformationen zu kommunizieren. Im fortgeschrittenen Alter gibt es zum Teil andere wichtige Themen als bei jungen Erwachsenen. Darauf müssen wir spezifisch eingehen.
 
Georg Roth: Viele ältere Männer, die Sex mit Männern haben, definieren sich nicht unbedingt als schwul oder leben offen. Dann gibt es „Late Bloomers“, also Männer, die nach einer heterosexuellen Ehe ein spätes Coming-out haben und natürlich Partner suchen, mit denen sie Sex haben können. Diese Gruppen muss man auch mit Präventionsmaßnahmen ansprechen.

Michael Jähme: Wer zum Start von Herzenslust 1995 50 Jahre alt war, der war in einer ganz anderen Zeit groß geworden. Viele hatten nicht die Möglichkeit, sich von den verstaubten Moralvorstellungen zu lösen und sexuell freizuschwimmen.

Georg Roth: Sie wurden bis 1969 strafrechtlich durch den Paragrafen 175 verfolgt. Für sie kam vielleicht auch die Emanzipationsbewegung etwas spät. Die meisten haben viel versteckter gelebt.

Michael Jähme: Dann tat sich in den 1970er-Jahren ein Fenster der Freiheit auf, und mit HIV kam gleich das nächste Schreckgespenst hinterher.

Wie wichtig ist älteren schwulen Männern die Sexualität?

Michael Jähme: Es wird ja so getan, als ob die Triebhaftigkeit ein alleiniges Recht der jungen schwulen Männer bis 30 wäre. Dabei gibt es mindestens ebenso viele sexuell aktive ältere Schwule, wie es sexu­ell zurückhaltende junge Schwule gibt.

Georg Roth: Ich arbeite beruflich mit Gruppen von älteren Schwulen in ganz NRW zusammen, da ist Sexualität immer ein Thema. Beim letzten Treffen hat mir ein fast 80-Jähriger von seinen über 3.000 Sexualkontakten erzählt – bislang.

Michael, du warst im Oktober 1995 bei der von Herzenslust ausgerichteten ersten Fachtagung Gay and Gray dabei. Im Kölner Schwulen- und Lesbenzentrum tauschten sich 140 Teilnehmer zwischen 24 und 75 Jahren über Perspektiven für Schwule im Alter aus. Wie hast du diesen Kongress erlebt?

Michael Jähme: Mir hat die Begegnung mit einer Generation schwuler Männer, die noch älter war als ich damals, sehr gutgetan. Ich habe es sehr begrüßt, dass ein Kongress sich dieses Themas angenommen hat. Hier konnten sich Generationen und Welten begegnen, die sich sonst nicht begegnet wären. Für mich war das Älterwerden nie erschreckend. Ich hatte 1990 meine HIV-Diagnose bekommen. Damals hat man nur mit wenigen verbleibenden Lebensjahren gerechnet. Jedes Jahr, das man mit HIV überlebt hat, war ein Sieg. Und ich wollte alt werden!

Was haben Gay and Gray und die Folgetagungen bewirkt, für die Arbeit in NRW und für euch persönlich?

Georg Roth: Eine Menge. Es sind ja damals eine ganze Reihe von Gruppen entstanden, hier in Köln, in Düsseldorf, Dortmund, später auch unter anderem in Münster und Siegen. Insgesamt gibt es zehn Gruppen für ältere Schwule in NRW.

Michael Jähme: Zum Zeitpunkt der ersten Tagung war das Älterwerden ein theoretisches Thema für mich. Ich habe mich noch gar nicht so alt gefühlt. Erst 2007 begann ich, mich als älteren Schwulen zu verstehen. Damals suchte der WDR einen Interviewpartner für eine Sendung zu Alt werden mit HIV. Ich habe dann angefangen, mich mit der psychosozialen Situation von älteren HIV-Infizierten zu beschäftigen. Da gab es reichlich wenig im Netz. Später wurde das Thema nach und nach beleuchtet, hauptsächlich unter medizinischen Aspekte. Doch was nützt es uns, medizinisch gesund alt zu werden, wenn wir reihenweise in die Depression abstürzen, weil wir mit den psy­chischen Belastungen nicht fertig werden? Mit den kumulierten Ausgrenzungs erfahrungen, Verlust­erfahrungen und Zurückweisungen, die diese Generation schwuler Männer erlebt hat, sei es durch eine Gesellschaft, die die Tendenz hatte, Homosexualität ganz an den Rand zu drücken oder durch die Erfahrungen in der Aidskrise. Zudem fehlen vielen die Lebenspartner, Freunde und Weg­gefährten, die weggestorben sind, und die man eigentlich heute im Älter-
werden bräuchte. Da ist es unerheblich, ob du das als Positiver oder als Negativer erlebt hast. Ich persönlich erlebe im Gespräch mit anderen, dass da unter einer fröhlichen Fassade noch ganz viel Schmerz und verletzte Seelen verborgen liegen.

Wenn ihr die Situation älterer Schwuler vom Zeitpunkt des Kampagnenstarts 1995 mit der von heute vergleicht, wo seht ihr Erfolge von Herzenslust?

Georg Roth: Ich sehe eine größere Sichtbarkeit. Einfach weil eine andere Generation älter geworden ist, mit Menschen, die einen anderen Lebensweg und andere Möglichkeiten hatten. Ich glaube,dass sich der Anteil der älteren schwulen Männer, die sich mit einmischen wollen, größer wird.

Michael Jähme: Es ist schon erstaunlich, dass man eine Kampagne 20 Jahre führen und lebendig erhalten kann. Ich finde es einen Gewinn, dass Herzenslust immer wieder die Generationen zusammenführt und aktuelle Themen aufgreift.

Was wünscht ihr für die Zukunft von Herzenslust?

Georg Roth: Nicht in Routine zu erstarren, immer offene Augen und Ohren zu haben für das, was sich entwickelt. Herzenslust hat da, finde ich, noch eine ganze Menge Möglichkeiten. Ich fände es toll, wenn auch beim CSD mal eine riesengroße Gruppe älterer schwuler Männer bei der Herzenslust-Aktion mitgehen würde.

Michael Jähme: Ich wünsche mir mehr Beteiligung von älteren Schwulen bei der Herzenslust-Arbeit vor Ort. Begegnungen auf Augenhöhe mit Menschen, die einen ähnlichen Lebensalltag und eine ähnliche Lebenserfahrung haben, sind wichtig.

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