Prävention muss sich immer wieder neu erfinden!

Auf dem Höhepunkt der Aidskrise Mitte der 1990er-Jahre war Präventionsforschung noch nicht so weit ausgeprägt. Herzenslust hat auf die Erfahrungen aus den 1980er-Jahren zurück­gegriffen und zugleich die Prävention neu erfunden. Lustvoll und kreativ ging man an das Thema heran, ohne dabei albern zu werden. Denn Sexualität war nicht selten angstbesetzt.

Mit schwulen Männern, die am meisten von HIV und Aids bedroht oder betroffen waren, wollte man ins Gespräch kommen. Sie waren nicht nur die Zielgruppe der personalkommunikativen Kampagne, sie waren und sind Teil von ihr. Von ihnen erhofft man sich als Alltagsexperten wert­volle Hinweise, wie man am besten in der Prävention vorgehen sollte und neue Wege beschreiten kann. Ebenfalls wichtig ist die
Beteiligung von Menschen mit HIV bei Herzenslust, um gemeinsam der Stigmatisierung und Diskriminierung entgegenzuwirken.

Um die Handlungskompetenz schwuler Männer zu stärken, reicht es nicht (mehr), ihnen ein Kondom in die Hand zu drücken. Weil es eher dem Bedürfnis entsprach, das Thema HIV zu verdrängen, oder weil einige auch präventions­müde geworden waren, setzte und setzt Herzenslust zum einen auf irritierende Aktionen, die die Bedeutung des Themas für das Leben schwuler Männer immer wieder aus der Sprachlosigkeit holen, zum anderen auf Informationsvermittlung und kompetente Beratung. Und dies nicht nur im realen Leben. Auch in der virtuellen Welt spielt dies eine zentrale Rolle. Deswegen initiierte und entwickelte Herzenslust gemeinsam mit ICH WEISS WAS ICH TU den Health-Support beim Kontaktportal von Gayromeo, an dem zahlreiche ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter zu Fragen rund um HIV, STI, Safer Sex und Risikomanagement fachlich kompetent Rede und Antwort stehen. Aber auch die jüngsten Mitglieder der Onlinecommunity – Socke & Schuss - greifen in ihrer virtuellen WG bei Facebook Themen schwuler Lebenswelten auf und informieren mit humorvoller Bildsprache und spritzigen Dialogen zu HIV, Aids und anderen STI.

Unter dem Motto Wir wollen doch nur spielen entwickelte Herzenslust Präventionsspiele – online oder auf Tablet-PCs für die Arbeit vor Ort −, die auf interaktive und spielerische Art Wissen ver­mitteln und Herzenslust-Botschaften an den Mann bringen.

Für beide Bereiche – virtuelle und reale Welt – ist eine professionelle Arbeitsqualität erforderlich. Damit diese gewährleistet ist, hat Herzenslust unterschiedliche, aufeinander aufbauende Trainings entwickelt. Ein Baustein der Fortbildung zum Herzenslust-Präventionisten ist ein E-Learning-Tool für Zwischeneinsteiger. Hier kann man sich online auf einen Präsenztag vorbereiten. Insgesamt gibt es ein ausgereiftes System an Basis- und Aufbautrainings, um Ehrenamtliche wie Hauptamtliche für die Prävention fit zu machen und zu halten. In diesem Kontext hat Herzenslust auch einen Workshop zum Gebrauch von Social Media entwickelt.

Dass sich Prävention auch immer wieder neu erfinden muss, erläutern Oliver Schubert, Aidshilfe NRW und Patrick Dörfler, Projektleiter conceptbakery Köln hier im Interview.

Oliver, wann hat sich die Aidshilfe NRW dazu entschlossen, die sozialen Netzwerke für die Präventionsarbeit zu erschließen?

Oliver Schubert: Wir haben 2008 mit dem Health Support auf Gay­romeo angefangen. Seitdem ist im Internet und in den sozialen Medien noch viel, viel mehr passiert. Eine Studie zur Internet­sexualität von Martin Dannecker und Richard Lemke hat festgestellt, dass die vir­tu­elle Welt ein fester Bestandteil von schwuler Szene und schwuler Community ist. Wenn so ein Medium wie Facebook die Plattform Nr. 1 ist, dann müssen wir da auch hin, genauso wie wir Vor-Ort-Aktionen in den Kneipen durchführen.

Wie entstand die Idee zu Socke & Schuss?

Oliver Schubert: Uns ist aufgefallen, wie unglaublich viel Traffic Reality Soaps wie Köln 50667 und Berlin Tag & Nacht auf Facebook er­zeugen. Ursprünglich dachten wir daran, eine schwule WG mit realen Per­sonen einzuführen. Das war inhaltlich zu komplex und auch nicht finanzierbar. Dann ist die Idee entstanden, es mit Puppen zu ver­suchen.

Patrick Dörfler: Die Puppen bieten zahlreiche Möglichkeiten, unterschied­liche Charaktere zu entwickeln, so dass sich jeder wiederfinden kann bei dem, was sie machen und denken und wie sie miteinander inter­agieren.

Wie sind Socke & Schuss angelegt?

Patrick Dörfler: Socke und Schuss leben in einer schwulen WG zu­sammen. Schuss ist der Experimentierfreudigere, der mal auf Partys geht, Sex in Darkrooms hat, in Datingportalen unterwegs und auch sonst recht umtriebig ist. Socke ist eher der reservierte, bedachte und konservativere Typ.

Das Internet und damit auch die sozialen Netzwerke stürzen von einem Hype zu nächsten. Wie wollt ihr die Aufmerksamkeit für Socke & Schuss erhalten?

Patrick Dörfler: Wir schauen uns ganz genau an, auf welche Themen die Leute anspringen und auf welche weniger. Die Redaktions­planung wird immer wieder angepasst, um die Reichweite zu erhalten und auszubauen. Herzenslust gibt auch Workshops zu Social Media. Welche Inhalte vermittelt ihr da?

Oliver Schubert: Wir zeigen, wie man Facebook und andere so­ziale Medien für die Präventionsarbeit und die Außendar­stellung der eigenen Organisation nutzen kann. Wir vermitteln auch, welche Fehler es zu vermeiden gilt. Socke & Schuss würde es zum Beispiel nichts bringen, wenn sie jeden Freitag „Wir wünschen euch ein schönes Wochen­ende“ posten. Das würde langweilen und wenig Gehalt haben.

Der Bereich Weiterbildung für Herzenslust-Aktivisten ist in den letzten Jahren immer größer geworden. Woran liegt das?

Oliver Schubert: Wir haben viel mehr Präventionsbotschaften zu vermitteln als früher. Schutz durch Therapie, Serosorting, Seroguessing, diskordante Paare – auf einmal ist ein bunter Strauß an Präventionsthemen gewachsen, wie ich es nenne. Wir leisten nicht nur Vor-Ort-Arbeit, Telefon- und E-Mail-Beratung. Der Health Support auf Gay­romeo ist ein direkter Chat, bei dem du schnell auf Fragen reagieren musst. Zum anderen wird Herzenslust immer wieder mal die Rolle der „Kondompolizei“ zugeschrieben Wir haben aber schon immer mehr gemacht als das. Die neuen Themen in der Prävention sind komplexer und nicht immer so einfach zu vermitteln. Dafür müssen wir unsere Leute fit machen.

Die Ausbildung für neue Ehrenamtler besteht aus mehreren Modulen. Wie genau ist sie aufgebaut?

Oliver Schubert: Zunächst gibt es ein Neueinsteigertraining. Natürlich vermitteln wir Basiswissen zu HIV, Safer Sex und STI. Aber wir sprechen auch über die Werte und Qualitäts­standards von Aidshilfearbeit. Wir erklären, warum wir zielgruppenspezifisch arbeiten und was die Ziele unserer Arbeit sind. Wir möchten Handlungskompetenzen, sprich Informationen für selbstbestimmtes Handeln, vermitteln und nicht das Vermeiden von Neuinfektionen in den Vordergrund stellen. Wir möchten schwule Männer dazu befähigen, das eigene Risiko selber einschätzen zu können und verantwortungsbewusst zu handeln, für sich selbst und andere. Herauszufinden, welche Präventions­strategien und Möglichkeiten des Risikomanagements für sie selber am besten passen, ist ein wesentlicher Aspekt dabei. Wichtig ist, dass wir auf jede moralische Wertung verzichten. Das ist für viele erst mal gar nicht oder nur ganz schwer zu verstehen. Im zweiten Seminar gehen wir in die spezifischere Ausbildung. Das zweiteilige Wochenende wendet sich speziell an Leute, die Prä­ventions­beratung und Testberatung in den Projekten der Aids­hilfen und im Health Support bei Gayromeo machen wollen. Der dritte Baustein nennt sich Safer on stage. Das starke Element von Herzens­lust ist ja die personal­kommunikative Ansprache. Wir haben gemerkt, dass es vielen Leuten manchmal schwerfällt, mit den Leuten vor Ort ins Gespräch zu kommen. Ein Thema ist auch, wie ich mit Nähe, Distanz und Übergriffigkeit im Kontakt mit den Gästen umgehe. Diese Aspekte werden in diesem Modul vermittelt und theaterpädagogisch an den Mann gebracht. In diesem Jahr starten wir zwei neue Ausbildungsmodule. Das Thema Schwuler Sex und (Party-)Drogen wird hier im Vordergrund stehen. Wir geben den Leuten Infos zu Wechselwirkungen mit Medi­ka­menten, zu Safer Sex oder Safer Use. Das zweite neue Modul setzt sich mit der 30-jährigen Aidsgeschichte auseinander und vertieft die Themen Haltung und Einstellungen in der aktuellen Präventionsarbeit.

Ihr habt ein E-Learning-Tool für die Herzenslust-Trainings entwickelt. Was steckt hinter dem Konzept?

Oliver Schubert: Unsere Basistrainings für Neueinsteiger in den Projekten sind im März und im September. Aber natürlich kommen auch Leute das ganze Jahr über neu in die Gruppen. Mit dem E-Learning-Tool haben sie die Möglichkeit, sich zu Hause durch die acht Kapitel zu arbeiten, die wir erstellt haben. Dann gibt es einen Präsenztag am Ende des Jahres, meist im November. Da lernen sich die Leute kennen. Wir kommen mit ihnen ins Gespräch und klären Inhalte, die vielleicht nicht verstanden wurden. Außerdem lernen sich die Ehrenamtlichen hier unter­einander kennen.

Was sind die Herausforderungen in der Zukunft für Herzenslust?

Oliver Schubert: HIV-Prävention bleibt immer eine Herausforderung. Das Leben mit HIV hat sich durch die modernen Kombitherapien deutlich verändert, aber auch Präventionsbotschaften und -strategien werden komplexer und es kommen immer wieder neue, für eine zeitgemäße Prävention relevante Themenfelder hinzu. Wir haben natürlich ein Interesse daran, dass Themen wie Schutz durch Therapie oder Möglichkeiten der Präexpositions­prophylaxe (PrEP) diskutiert werden und sich in den Köpfen verankern. Viele schwule Männer, die sich mit HIV infizieren, haben nach wie vor mit (Selbst-)Vorwürfen und Stigmatisierung zu kämpfen. Viele können oder wollen darüber mit ihren Sexpartnern nicht kommuni­zieren. Da braucht es kompetente Ansprechpartner, wie Aidshilfen mit ihren ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern von Herzenslust. Wir müssen diese Arbeit weitermachen wie bisher, genauso kreativ, manchmal auch mutig, verrückt und pro­vozierend. Wir dürfen uns nicht zurücklehnen. Es läuft nämlich nicht von alleine, man muss sich immer wieder neu erfinden!

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