Herzenslust unterwegs in der schwulen Szene

Ein kurzes Interview mit Bernt Ide, Geschäftsführer der Phoenix-Sauna Köln und Stephan Claasen, Geschäftsführer der STATION2B Köln und warum Präventionsarbeit für die auch für die schwule Szene heute noch wichtig ist.

Bernt, du betreibt seit 25 Jahren die Phoenix Saunen, und du, Stephan, bist Besitzer des STATION 2B in Köln. Wie wichtig ist eine Präventionsarbeit in der Szene?

Stephan Claasen: Die Präventionsarbeit ist heutzutage wichtiger denn je. Nach all den Jahren hat sich eine Art Gewöhnungsgefühl eingestellt, HIV wird nicht mehr ganz so ernst genommen. Zum anderen hat sich durch die Forschung viel geändert, sei es jetzt durch die PrEP, also die Präexpositionsprophylaxe, oder Schutz durch Therapie. Was ist heutzutage Safer Sex? Die Vielfalt an Informationen und Botschaften hat zugenommen. Um entsprechende Informationen schnell zu verbreiten, reichen keine Plakate oder Anzeigen. Das muss vor Ort passieren, wo das Publikum ist, in Saunen, Kneipen, Cruisingbars.
 
Bernt Ide: Das Thema PrEP ist im Moment ja in aller Munde. Meine Mitarbeiter wissen recht wenig darüber, die Gäste auch oft nur das, was sie sich zusammenreimen. Da reicht es nicht, einen Artikel auszulegen. Da muss jemand von außen kommen, der das inhaltlich fundiert sowie verständlich rüberbringen kann.

Was passiert in euren Läden an Präventionsarbeit?

Bernt Ide: Wir haben immer wieder mal Mitarbeiter von Herzenslust in den Saunen. Wichtig sind sowohl große Aktionen bei Hauptevents wie CSD oder Karneval, also in Zeiten, in denen es bei uns besonders voll ist, als auch Angebote, wie zum Beispiel Themenabende oder Talkrunden an normalen Tagen, wenn die Leute auch Zeit und Ruhe für Gespräche haben. Ich bin mit der Thematik durch meine Tätigkeit als Vorstand der Aidshilfe Köln sehr ver­bunden. Viele Wirte haben gar keine Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, welche Informationen zu HIV und STI ver­breitet werden müssten. Das Kondomverteilen hat sich ein bisschen überholt. Keiner wird ein Kondom mehr benutzen, nur weil jemand von Check Up durch die Räume läuft. Es ist gut und wichtig, dass die Präventionisten die Lebenswelten der Gäste akzeptieren und darauf eingehen, was heute tatsächlich passiert.

Stephan Claasen: Das Kondomverteilen hat heute auch einen symbolischen Wert. Man drückt den Leuten eine nette Aufmerksamkeit in die Hand. Dann hat man schon mal ein Lächeln ins Gesicht gezaubert und kommt schneller ins Plaudern. Da ist das Team von Check Up, das ständig irgendwie sichtbar ist und für Gespräche zur Verfügung steht, sehr hilfreich.

Schätzen die Gäste die Aktionen von Herzenslust? Oder fühlen sie sich auch schon mal gestört?

Stephan Claasen: Die Herzenslust-Mitarbeiter gehen ja nicht direkt in die Kabinen oder Darkrooms, sondern nur in die Bereiche,in denen sich alle treffen. Sie kommen nicht mit erhobenem Zeigefinger zu uns, sondern sind einfach da, wenn man sie braucht. Man kann locker mit ihnen bei einem Kölsch in Kontakt kommen. Sehr viel kommt bei mir an Reaktionen nicht an, aber das wenige ist durchweg positiv.

Bernt Ide: In den ersten Jahren wurde nicht immer mit der nötigen Sensibilität gearbeitet. Da haben die Herzenslust-Mitarbeiter auch mal Kondome in der Dampfsauna oder dem Cruisingbereich verteilt. Heute findet die Prävention in Bereichen statt, in denen man sich unterhalten kann. Diese Unauf­dringlichkeit hat dazu geführt, dass die Arbeit heute so gut akzeptiert wird. Durch ihre regelmäßige Anwesenheit wird auch nochmals deutlich, dass mir als Betreiber Prävention sowie Infos zu Safer Sex und STI sehr wichtig sind. So wird vielleicht auch Gästen die Scheu genommen, mit den Jungs von Herzenslust oder, wenn die nicht da sind, auch mal mit unseren Mit­arbeitern oder mir diese Themen zu besprechen.

Was wünscht ihr euch von Herzenslust?

Stephan Claasen: Vielleicht wäre es hilfreich, noch regelmäßiger Informationsveranstaltungen zu machen, bei denen Herzenslust zu einem bestimmten Thema referiert und Fragen beantwortet. Die müssen in der Szene vor Ort passieren, vielleicht außerhalb der üblichen Öffnungszeiten. Die kann man auf sechs bis neun Monate im Voraus planen und bei Aktionen von Herzenslust mit entsprechenden Flyern bewerben.

Bernt Ide: In die Richtung würde ich auch gehen. Mit solchen Veranstaltungen kann man eine Menge bewirken und gerade für die neuen Themen ein Podium schaffen, auf dem einer zum Beispiel sagt, ich habe mich für die Einnahme der PrEP entschieden, für den zweiten gibt’s nur Kondome und der dritte sagt, ich lasse sie sowieso immer weg. Man versteht, warum man sich auch anders entscheiden kann.

Wie wichtig ist euch, dass Herzenslust nah an der Szene und an eurer Arbeit ist?

Stephan Claasen: Die Gastronomie ist ein sehr umfangreicher Job. Wir Wirte versuchen uns zu Präventionsthemen, Safer Sex und STI zu informieren und die Informationen an unser Personal weiterzugeben, sofern es sich diese nicht selbst einholt. Wir haben aber oft nicht die Möglichkeit, auch noch an das letzte Detail zu kommen. Da sind wir auf Angebote wie Herzens­lust angewiesen, die diese Information in die Läden tragen und auch Schulungen für das Personal anbieten. So entsteht eine Win-Win-Situation.

Bernt Ide: Die Szenenähe finde ich in der Prävention wichtig. Leute, die selbst aus der Szene kommen, kennen die Sprache der Szene.

Stephan Claasen: Wenn bei uns eine Fetischparty stattfindet, dann kommt das Herzenslust-Team im entsprechenden Outfit vorbei. Die Mitarbeiter passen sich dem Publikum an, um eine gemeinsame Basis aufzubauen. Das ist ganz wichtig.

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