Herzenslust in der Metropole

Ein Interview mit Cristoph Klaes und Rainer Rybak vom Checkpoint der Aidshilfe Köln und Felix Laue, stellv. Geschäftsführer der Aidshilfe Köln zu den Anfängen von Check-Up, Prävention in der schwulen Szene und darüber, dass ohne Ehrenamtler gar nichts ginge.

Wie entstand die Idee einer schwulen Gesundheitsagentur und der Marke Check Up?

Felix Laue: Check Up wurde 1998 unter der Trägerschaft der Aidshilfe Köln und der Schwulen Initiative für Pflege und Soziales gegründet. Seit Anfang der 2000er-Jahre sind wir das schwule Präventionsprojekt der Aidshilfe Köln. Grundgedanke war, dass die Vor-Ort-Arbeit unter einem eigenständigen Namen in der Szene präsent ist. Als schwule Gesundheitsagentur entwickeln wir Broschüren, Materialien und Internetpräsenzen und gewährleisten gleichzeitig die Vor-Ort-Präsenz in der Szene, in den Kneipen und auf Partys.

Warum ist eine gute Zusammenarbeit mit den Szenebetreibern so wichtig?

Christoph Klaes: Wir erreichen die schwulen und bisexuellen Männer vor Ort in der Szene. Regelmäßige Kontaktpflege ist da ganz wichtig. Neben den Vor-Ort-Aktionen bringe ich einmal im Monat Printmedien in die Kneipen, Bars und Saunen und spreche dann mit den Wirten und Betreibern über aktuelle Anliegen, über Dinge, die sie mitbekommen haben. Denn wenn es am Tresen nicht ganz so voll ist, dann ist der eine oder andere Gast auch mal mit einer Frage schnell beim Thekenpersonal. Und wenn es dabei um Aspekte unserer Arbeit geht, kann dieses jederzeit auf uns verweisen.

Wie sehen Aktionen vor Ort aus?

Christoph Klaes: Sehr unterschiedlich. Wir sind meistens dreimal in der Woche unterwegs. Der gemeinsame Nenner ist immer das „Präventainment“. Bei manchen Aktionen halten wir uns eher im Hintergrund. Wir haben Kondome als Give-aways, als Türöffner dabei, die wir den Leuten in die Hand drücken. Wir sind jederzeit ansprechbar und können thematisch in die Tiefe gehen. Andere Aktionen sind durchaus mal laut und auffällig. Wir tragen bunte Kostüme und versuchen uns so ein bisschen von der Masse abzuheben. Wir haben verschiedene Aktionen in Saunen, bei denen wir Handtücher verteilen oder mit einem Tablet-Quiz unterwegs sind.

Welche Bedeutung haben die Ehrenamtler für euch?

Christoph Klaes: Die Vor-Ort-Arbeit wäre besonders in der Metropole mit einer sehr ausgeprägten Szene ohne die ehrenamtliche Mitarbeit überhaupt nicht möglich. Wir sind sehr dankbar, dass wir so ein großes Team von 20 ehrenamtlichen Kollegen haben.

Felix Laue: Natürlich sind sie auch unser Korrektiv. Wenn wir uns hier Aktionen ausdenken oder ein Internetprojekt planen, können wir sie direkt von den Ehrenamtlern überprüfen lassen.

Rainer Rybak: Viele Anregungen zu Aktionsformen und Inhalten kommen direkt von den ehrenamtlichen Kollegen. Sie besuchen selbst viele verschiedene Szenen und wissen, was wo gebraucht wird, und können mit den Menschen auf Augenhöhe sprechen.

Wie entstehen die spektakulären Herzenslust-Aktionen auf der Kölner CSD-Parade Köln Jahr für Jahr?

Rainer Rybak: Die Ideenfindung beginnt meist im Vorjahr gemeinsam mit Markus und Oliver von der Aidshilfe NRW. Bei einem Brainstorming entwickeln wir zwei, drei Favoriten. Dann überschläft man das Ganze noch mal, wägt das Für und Wider ab und einigt sich auf ein Motto. Auch hier holen wir unsere Ehrenamtler schon relativ frühzeitig mit ins Boot. Das Ganze wird dann im Rahmen eines landesweiten Herzenslust-Treffens vorgestellt. Wir hören da ganz genau auf die Anmerkungen und Anregungen unserer Kollegen. So entsteht dann aus dem zarten Pflänzchen einer Idee eine Aktion, die wir dann auch wachsen lassen und umsetzen können.

Christoph Klaes: In dem Zusammenhang ist es natürlich auch gut, dass wir uns hier im Team gut ergänzen und daher die Möglichkeit haben, vieles direkt auch im Haus umzusetzen. Neben Rainer und mir ist das auch Danny Frede, der sehr fit im grafischen Bereich ist und Fotos machen kann, Internetseiten programmiert etc. Da wir so nicht auf externe Agenturen und Grafikbüros angewiesen sind, ist es einfach, den Projektprozess zu steuern. Bei der Umsetzung sind wir mit Sicherheit unseren Zielvorstellungen dann auch sehr nahe.

Rainer Rybak: Wir sind immer so um die 120, 150 Leute aus den Herzenslust-Gruppen aus ganz NRW auf der Parade. Da entsteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Ich gehöre dazu, ich bin Teil von einer wirklich großen Sache und nicht nur ein kleines Rädchen. Dieser Auftritt ist immer ein sehr erhebendes und sehr emotionales Ding.

Wie ist das gemeinsame Testangebot mit dem Checkpoint entstanden?

Felix Laue: Mann-O-Meter in Berlin und die Münchner Aids-Hilfe mit dem Check Point hatten bereits Erfahrungen mit entsprechenden Angeboten gesammelt. Damals gab es eine Studie, die zeigte, dass es viele schwule Männer gibt, die sehr lange HIV-infiziert sind, aber nichts davon wissen. Die Beratung zum Test gibt die Gelegenheit, das eigene Sexual- und Schutz­ver­halten zu reflektieren. Daraufhin haben wir uns mit den Kollegen der Schwulen Initiative für Pflege und Soziales zusammengesetzt und am 20. November 2008 das Testangebot gestartet. Wir sind ziemlich direkt überrannt worden. Heute haben wir im Schnitt 60 bis 70 Teilnehmer an den drei Testabenden pro Woche und um die
3000 Teilnehmer pro Jahr.

Wie hat das Projekt des Testangebots eure Arbeit geprägt?

Felix Laue: Das Testangebot ergänzt unsere Präventionsarbeit. Wichtig ist die Möglichkeit eines Beratungsgesprächs vor der eigent­lichen Testung. Da haben die Teilnehmenden die Gelegen­heit, noch mal genau die Risiken ihrer Sexkontakte abzuwägen. Gleichzeitig haben sie den Benefit, den HIV-Test machen zu können und Ansprechpartner zu haben, die sie regelmäßig auf­suchen können. Viele nutzen das Angebot, weil sie frei und un­verblümt mit uns über ihr Sexleben sprechen können.

Rainer Rybak: Ganz wichtig ist, gerade auch bei einem Prä­ventions­projekt, dass unsafe Sex für uns kein Tabu ist. Wir sind selbst schwule Männer, die wissen, dass Safer Sex manchmal leichter gedacht als getan ist.

Felix Laue: Wir haben viele dabei, die keine Krankenversicherung haben. Männer mit Migrationshintergrund machen ungefähr 30 Prozent aus. Und wir haben eine Wahnsinnsmenge an ungeouteten Männern, die Sex mit Männern haben. Die würden sich nie im Leben outen. Die erreichen wir sonst nicht.

An welche Highlights eurer Arbeit erinnert ihr euch gerne?

Felix Laue: Mein persönliches Highlight ist nach wie vor die Mister Pops-Kampagne. Nach wie vor toll finde ich auch die Homepages Sex und Risiko und Paul und Etienne. Die Video­geschichten von Paul und Etienne sind mit massiver Unter­stützung der Ehrenamtlichen und auch der Szene gedreht worden, die uns die Drehorte gestellt hat.

Und wo haben sich Grenzen bei eurer Arbeit ergeben?

Rainer Rybak: Meistens stoßen wir an finanzielle, personelle und zeitliche Grenzen. Das versuchen wir dann kreativ und auch mit viel persönlichem Einsatz zu meistern. Inhaltlich decken wir den Bereich der unterschiedlichen Kulturen und der Männer mit Migrationshintergrund noch nicht genügend ab. Das bedarf einer sehr sensiblen Herangehensweise, da haben wir den Stein der Weisen noch nicht gefunden.
Seit Januar 2015 sind die Präventionsaktivitäten der Aidshilfe Köln im Neuen Checkpoint gebündelt. Was bedeutet das für eure Arbeit?

Felix Laue: Die primärpräventiven Angebote, also das Beratungs- und Testangebot, die Vor-Ort-Arbeit, die Prävention mit Jugendlichen und das Ladenlokal als niedrigschwellige Anlaufstelle des Checkpoint werden zusammengefasst. Dabei soll das Beratungs- und Testangebot um Abstrichuntersuchungen auf Chlamydien, Tripper und Feigwarzen ausgeweitet werden. Wir möchten auch das ganze Gesundheitsspektrum mit den Selbsthilfegruppen und Informationsveranstaltungen deutlich ausweiten. Aber die Basis bleibt nach wie vor die Vor-Ort-Arbeit, ohne die läuft nichts.

Könnt ihr schon Tendenzen wahrnehmen, die die Präventionsarbeit in den nächsten Jahren beeinflussen könnten?

Rainer Rybak: Dank der neuen Entwicklungen wie Schutz durch die Therapie und die Präexpositionsprophylaxe werden HIV-positive Männer viel selbstverständlicher als Teil der schwulen Community wahrgenommen. Unsere Angebote wie die STI-Tests richten sich ja nicht nur an HIV-negative Männer. Das Verständnis, dass wir in der Szene alle im gleichen Boot sitzen, wächst. Das finde ich eine der schönsten Entwicklungen und größten Chancen der jüngsten Zeit, auch wenn hier sicherlich noch einiges an Arbeit vor uns liegt

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