Die Syphilis (auch Lues oder harter Schanker genannt) ist eine weltweit verbreitete, sehr leicht übertragbare, in mehreren Stadien verlaufende bakterielle Systeminfektion (das heißt, sie betrifft den gesamten Organismus). Erreger ist das Bakterium Treponema pallidum (blasser Schraubfaden). Die Inkubationszeit liegt bei ca. zwei bis drei Woche, in Ausnahmen bei bis zu drei Monaten.
Zwischen den Erkrankungsstadien liegen symptomfreie Intervalle. Die Symptome sind äußerst vielgestaltig, sodass die Diagnose häufig schwierig ist bzw. die Infektion oft unerkannt bleibt und weiter getragen wird. Unbehandelt kann die Syphilis langfristig schwerwiegende, zum Teil lebensbedrohliche Folgen haben. Mit Antibiotika ist die Krankheit gut zu behandeln.
In Deutschland ist gegenwärtig mit 3.000 bis 4.000 Erkrankungen pro Jahr zu rechnen. Zwei Drittel der Erkrankten sind Männer. In den letzten Jahren wurde ein Anstieg bei schwulen Männern beobachtet. Der Anteil der auf HIV-positive MSM entfallenden Syphilis-Diagnosen in Deutschland ist überproportional hoch.
Syphilis lässt sich nicht nur beim Anal- und Vaginalverkehr, sondern auch beim Petting, beim Oralverkehr, bei oral-analen Kontakten, bei Fingerspielen, beim Fisten und sogar beim Küssen übertragen und ebenso durch Schmierinfektion (wahrscheinlich auch beim Gebrauch von Gleitmittel aus einem gemeinsamen Topf oder bei gemeinsamer Verwendung von Sexspielzeugen).
Auch symptomfreie Infizierte können den Erreger unter Umständen jahrelang weitertragen. Im dritten Stadium dagegen besteht trotz oft schwerwiegender Krankheitszeichen keine Infektiosität mehr.
Die Syphilis ist äußerst ansteckend. Man kann das Risiko aber senken:
Eine Impfung gegen die Syphilis ist in den nächsten Jahren nicht zu erwarten.
Unbehandelt verläuft eine Syphilis typischerweise in drei Stadien, wobei die unten genannten Symptome auftreten können, aber nicht müssen; häufig werden Symptome auch nicht wahrgenommen. Eine starre Abfolge gibt es aber nicht: Stadien können "übersprungen" oder "wiederholt" werden, die Erkrankung kann jahrelang in der Latenz verharren oder (in etwa einem Drittel der Fälle) irgendwann spontan ausheilen.
1. Stadium
Wenige Tage bis Wochen nach der Infektion beginnt der sogenannte Primäraffekt: An der Eintrittstelle der Bakterien (z. B. an Eichel, Vorhaut oder Schamlippen, an den Lippen, in Mund und Rachen, am Anus oder im Enddarm, aber auch am Finger oder an anderen Stellen) kann sich ein etwa hirsekorngroßes Knötchen bilden, das sich zu einem meist münzgroßen Geschwür mit gut abgrenzbarem, hartem Randwall ausweitet (daher auch harter Schanker oder Ulcus durum). Das meist schmerzlose oder schmerzarme Geschwür ist häufig von einem dunkelroten Hof umgeben, der Geschwürgrund ist braunrot, glänzend und klar und sondert eine klare, hoch ansteckende Flüssigkeit ab. An benachbarten Schleimhautstellen kann es durch direkten Kontakt mit dem ersten Geschwür zu weiteren Geschwüren (sog. Abklatschgeschwüren) kommen. Nach ungefähr ein bis zwei Wochen schwellen häufig auch die benachbarten Lymphknoten an; sie lassen sich verschieben und sind nicht druckschmerzhaft. Ulcus durum und Lymphknotenschwellung ergeben zusammen den sogenannten Primärkomplex, der nach einigen Wochen (meist 2–6) von selbst wieder abheilt.
2. Stadium
Das zweite Stadium beginnt häufig erst nach einem symptomfreien Intervall (Frühlatenz) von etwa zwei Monaten. Die Syphilisbakterien breiten sich in dieser Phase über Blut und Lymphe im ganzen Körper aus. Symptome sind anfängliches Fieber mit Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Kopf- und Gelenkschmerzen, nächtliche Schweißausbrüche, Lymphknotenschwellungen sowie Haut- und Schleimhautveränderungen: Charakteristisch ist ein nicht juckender und nicht nässender, manchmal schuppender fleckiger oder linsenförmiger Ausschlag, insbesondere an Rumpf, Handflächen und Fußsohlen. Häufig sind auch Beläge auf der Zunge und in der Mundhöhle sowie nässende warzenförmige Stellen, die an Feigwarzen erinnern (sogenannte Condylomata lata); diese Stellen sind sehr ansteckend. In manchen Fällen tritt auch flächiger Haarausfall auf („Mottenfraß“). Etwa zwei Jahre nach der Infektion klingen die Hautveränderungen ab, und es folgt eine Phase ohne äußere Symptome (Spätlatenz), die mitunter lebenslang, manchmal aber auch nur wenige Monate andauert.
3. Stadium
Ohne Behandlung bzw. Ausheilung kann die Syphilis nach Jahren oder Jahrzehnten in ein drittes Stadium übergehen, bei dem auch innere Organe wie Leber, Herz und Magen, die Blutgefäße, Skelett und Gelenke sowie das zentrale Nervensystems geschädigt werden können. Typisch sind überall am und im Körper auftretende, oft gummiartig verhärtete Knoten (Gummen), die beim Aufbrechen das umgebende Gewebe zerstören – zum Teil mit lebensbedrohlichen Folgen, etwa bei Lokalisation an der Hauptschlagader. Bei einem Teil der unbehandelten Patienten kommt es zur sogenannten Neurosyphilis, die zu Taubheit, Sehstörungen von Doppelbildern bis zur Blindheit, fortschreitendem geistigem Verfall oder Lähmungen führen kann, bis hin zum Tod.
Info+ Bei Menschen mit HIV verläuft die Syphilis häufig anders, schneller und schwerer: Stadien werden eher "übersprungen" oder treten "nebeneinander" auf (oft kann man bei Menschen mit HIV kaum zwischen Stadium 1 und 2 unterscheiden), spätere Stadien werden schneller erreicht, Verläufe mit ausgeprägten Hautveränderungen (sog. Lues maligna) sind häufiger, ebenso Verläufe mit einer Neurosyphilis.
Eine Syphilis erhöht die Wahrscheinlichkeit, sich mit HIV zu infizieren. Dieser Effekt ist, verglichen mit anderen STIs, bei Syphilis und Herpes besonders hoch, da die Geschwüre die Haut oder Schleimhaut für HIV durchlässig machen. Außerdem wandern zahlreiche Lymphozyten und Langerhans-Zellen in das Entzündungsgebiet ein, die Zielzellen von HIV darstellen.
Info+ Vor allem bei nicht antiretroviral behandelten Menschen mit HIV kann eine Syphilis zu einem Abfall der Helferzellzahl und zu einem Anstieg der HIV-Viruslast im Blut sowie in den genitalen und rektalen Sekreten kann.
Zur Diagnostik der Syphilis steht eine Reihe von Tests zur Verfügung. Treponemen (vor allem aus Abstrichen aus dem Primäraffekt) können etwa mittels Dunkelfeldmikroskopie direkt nachgewiesen werden, doch setzt dies Verfahren einige Erfahrung voraus und eignet sich nicht zur Routinediagnostik; in aller Regel erfolgt die Syphilisdiagnose daher über Bluttests:
Suchtest
Der TPHA/TPPA (Treponema-pallidum-Hämagglutinationstest bzw. -Partikelagglutinationstest) zeigt etwa 3–5 Wochen nach Infektion ein positives Ergebnis und reagiert auch nach Ausheilung bzw. erfolgreicher Therapie in der Regel lebenslang positiv (sog. Serumnarbe).
Bestätigungstest
Der FTA-Test bzw. FTA-abs-Test (Treponema-pallidum-Antikörper-Fluoreszentest) wird 3–4 Wochen nach der Infektion positiv. Er kann zur Unterscheidung zwischen akuter, chronischer und ausgeheilter Syphilis beitragen.
Therapiekontrolle
Der VDRL-Test (venereal disease research laboratory) ist ein unspezifischer Test auf Syphilis; er wird negativ, wenn die Therapie wirkt.
Bei klinischem Verdacht sollte die Syphilis-Diagnostik in Abständen von 1–2 Wochen wiederholt werden. Erst nach 8–10 Wochen mit eindeutig negativen Ergebnissen kann eine frische Syphilis mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden.
Bei Verdacht auf Befall des zentralen Nervensystems sollte auch die Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) untersucht werden. Hierzu wird die Wirbelsäule in Höhe der Lendenwirbel punktiert (Lumpalpunktion); das ist ungefährlich, weil es in dieser Höhe kein Rückenmark mehr gibt, das verletzt werden könnte.
Info+ Bei Menschen mit HIV führt ein Syphilis-Suchtest in manchen Fällen trotz klarer Syphilissymptome negativ aus ("falsch negatives Ergebnis"). Die Überprüfung des Erfolgs einer Syphilistherapie mittels Laborwerten kann bei HIV-Infektion erschwert sein.
Jede Syphilis muss antibiotisch behandelt werden, als Standardtherapeutika gelten Penicilline. Wird die Infektion in den ersten beiden Stadien erkannt, wird meist zwei bis drei Wochen behandelt. Kurz wirksame Benzylpenicilline (Penicillin G) werden täglich intramuskulär oder per Infusion verabreicht, lang wirksame Benzathinpenicilline einmal pro Woche intramuskulär. Nur in Ausnahmefällen wird mit oral verabreichten Antibiotika behandelt; bei Penicillin-Allergie können Tetracycline oder Makrolide eingesetzt werden. Allerdings kommt es bei Makroliden deutlich häufiger als bei Penicillinen zu einem Therapieversagen und zu Resistenzentwicklungen der Syphilis-Bakterien.
Nach der ersten Antibiotikumgabe kommt es durch das Massensterben der Erreger häufig zu Fieberschüben und Hautausschlägen (sog. Herxheimer-Reaktion), die man aber mit Paracetamol oder niedrig dosiertem Cortison (auch vorsorglich) behandeln kann.
Auch in späteren Stadien kann die Syphilis geheilt werden, doch dauert die Behandlung dann länger, und meist (insbesondere bei Befall des Gehirns) sind Infusionen nötig – verbunden mit einem Krankenhausaufenthalt. Schäden an inneren Organen können aber nicht rückgängig gemacht werden; auch deshalb sollte die Behandlung so früh wie möglich beginnen.
Zur Überprüfung des Therapieerfolgs werden am Behandlungsende sowie nach 3, 6, 9 und 12 Monaten Bluttests durchgeführt.
Info+ Da Menschen mit HIV schneller ein späteres Syphilis-Stadium erreichen und es außerdem bei ihnen häufiger zu einem erneuten Ausbruch der Krankheit (Rezidiv) trotz zunächst ausreichender Therapie kommt, wird meist von Anfang an länger antibiotisch therapiert und der Therapieerfolg über 24 Monate kontrolliert. Wichtig ist, dass der behandelnde Arzt/die behandelnde Ärztin sich sowohl mit Syphilis als auch mit HIV auskennt.
Bis zum Ende der antibiotischen Behandlung sollte auf sexuelle Kontakte verzichtet werden – auch aufs Küssen, sofern der Primäraffekt im Mund saß. Wichtig sind Information, Untersuchung und ggf. Behandlung der Partner, vor allem, weil die Infektion oft schwer zu erkennen ist (z. B. bei einem Primäraffekt in der Scheide, im Analkanal oder im Darm).
Wer sich mit Syphilis infiziert hat, hat statistisch gesehen in den folgenden Jahren ein höheres Risiko, sich auch mit HIV zu infizieren. Daher sollte Syphilispatienten ein Beratungsgespräch zu HIV (Übertragungswege, Vorbeugung) und eine Untersuchungen auf HIV und andere STIs angeboten werden.