Nicht nachweisbar = nicht infektiös!

„Die Zeit der Ausreden ist vorbei, es ist sehr, sehr klar!“ Dies ist die Antwort von Alison Rodger, Leiterin der PARTNER-2-Studie, wenn Ärzt*innen immer noch an der Schutzwirkung der HIV-Therapie zweifeln. Alison Rodger stellte auf der Welt-AIDS-Konferenz 208 in Amsterdam die Ergebnisse der PARTNER-Studie II vor.

Fast 1.000 schwule Paare nahmen in 75 europäischen Zentren von 2014 bis 2018 an der Studie teil – einer der Partner war HIV-positiv und der andere HIV-negativ. Der positive Partner war antiretroviral effektiv behandelt, die Viruslast im Blut lag unter 200 Viruskopien/ml. Bewiesen werden sollte, dass die HIV-Therapie einen perfekten Schutz darstellt und bei erfolgreicher Therapie keine Infektionen mehr auftreten.

Für heterosexuelle Paare war dieser Nachweis bereits in Phase I der PARTNER-Studie gelungen. Sie wurde von 2010-2014 durchgeführt. In Phase I gab es sowohl bei den hetero- als auch bei den homosexuellen Paaren keine einzige Infektion durch die Partner*innen. Da aber bei schwulen Paaren weniger Beobachtungsjahre zu verzeichnen waren, galten die Daten als weniger belastbar. Damit ist es nun vorbei.

Die Paare in PARTNER-2 hatten insgesamt 77.000 mal Sex ohne Kondom. Ohne die HIV-Therapie würde man ca. 500 Infektionen erwarten. Es gab jedoch keine einzige Infektion durch den eigenen, behandelten Partner. 15 Infektionen gingen auf fremde Sexualpartner zurück – dies konnte durch vergleichende Analysen der Viren sicher nachgewiesen werden.

In der Medizin gibt es nie eine 100-prozentige Sicherheit. Man rechnet immer mit einer statistischen Unsicherheit. Die Sicherheit der PARTNER-2-Studie ist allerdings atemberaubend hoch. Selbst im statistisch gesehen ungünstigsten Fall (dass sich beim 77.001. Sexualakt eine Übertragung ereignete) müsste ein Paar ein halbes Jahrtausend Sex ohne Kondom haben, damit es zu einer Infektion kommen könnte. Solche Sicherheitsmargen gibt es sonst kaum in der Medizin. Daher gibt es nun laut Rodger keine Ausreden mehr: die HIV-Therapie schützt.

Die Aidshilfe NRW und die Deutsche AIDS-Hilfe werten Schutz durch Therapie deshalb als Safer Sex.

Text: Armin Schafberger, Medizinreferent der Deutschen AIDS-Hilfe

Nachstehend beantworten wir hier einige Fragen zum Thema Schutz durch Therapie.

Wie funktioniert der Schutz durch die HIV-Medikamente?

Die HIV-Medikamente verhindern im Körper eines HIV-positiven Menschen die Vermehrung des Virus. Nach einiger Zeit ist bei einer gut wirksamen Therapie im Blut kein HIV mehr nachweisbar. Man spricht dann von einer „Viruslast unter der Nachweisgrenze“. Kurz darauf sind dann auch in Sperma,  der Scheidenflüssigkeit, in anderen Körperflüssigkeiten und in den Schleimhäuten keine oder nur noch sehr wenige HI-Viren nachweisbar. Eine Übertragung von HIV auf Sex-Partnerinnen und -Partner ist dann nicht möglich.

Wie sicher ist der Schutz durch Medikamente und wie groß ist das Restrisiko?

In der Medizin gibt es nie eine 100-prozentige Sicherheit. Man rechnet immer mit einer statistischen Unsicherheit. Die Sicherheit der PARTNER-2-Studie mit 77.000 Sexualkontakten ohne HIV-Übertragung ist allerdings atemberaubend hoch. Selbst im statistisch gesehen ungünstigsten Fall (dass sich beim 77.001. Sexualakt eine Übertragung ereignete) müsste ein Paar ein halbes Jahrtausend Sex ohne Kondom haben, damit es zu einer Infektion kommen könnte. Solche Sicherheitsmargen gibt es sonst kaum in der Medizin. Daher gibt es nun laut Alison Rodger (Leiterin der PARTNER2-Studie) keine Ausreden mehr: die HIV-Therapie schützt. Weitere Informationen zur Studie findest du unter aidsmap.com (engl.).

Welche Vorraussetzungen müssen erfüllt sein?

Die Viruslast muss seit mindestens seit einem halben Jahr unter der Nachweisgrenze liegen und der oder die HIV-Positive muss die Medikamente regelmäßig einnehmen. Ob die Bedingungen erfüllt sind, muss alle drei Monate durch Bluttests in einer auf HIV spezialisierten Praxis oder Ambulanz überprüft werden.

Die Wirksamkeit der Therapien kann nachlassen, wenn die Medikamente nicht regelmäßig genommen werden. Dies kann auch aus anderen Gründne der Fall sein. Deswegen sind regelmäßige Kontrollen der Viruslast wichtig, in der Regel einmal pro Quartal.

Erhöhen andere sexuell übertragbare Infektionen das Risiko eine HIV-Infektion?

Oft ist zu hören, dass Schutz durch Therapie nur dann funktioniere, wenn keine anderen sexuell übertragbare Infektion vorlägen. Davon sind Experten auch lange ausgegangen. Ohne Therapiel erhöhen sexuell übertragbare Infektionen wie Syphilis, Tripper oder Chlamydien das Risiko der HIV-Übertragung erheblich.  Mit einer funkionierenden Therpie sieht das aber anders aus.

Mittlerweile zeichnet sich in Studien aber immer mehr ab, dass dies angesichts einer gut wirksamen HIV-Therapie nur wenig Einfluss auf das Übertragungsrisiko hat. Dies belegen auch die Zwischenergebnisse der im Einganstext erwähnten Partner -Studie.

Bei Dates und anonymen Sex

Zu Schutz durch Therapie bei Dates und anonymen Begegnungen gibt es kaum offizielle Empfehlungen. Vermutlich ist das so, weil es keine Studien gibt, die sich ausschließlich mit Sex außerhalb von festen Partnerschaften beschäftigen und möglicherweise auch aus moralischen Gründen – gleichzeitig ist diese Praxis aber weit verbreitet. Ob du dich, wie viele andere, dafür entscheiden willst, kannst nur du selbst herausfinden.

Schutz durch Therapie funktioniert auch bei Dates nur über Vertrauen. Das kann sich durch Reden (bzw. Chatten) bilden. Die Offenlegung des positiven HIV-Status ist zunächst einmal ein großer Vertrauensvorschuss. Wer über seine Therapie und seinen Umgang mit STIs offen spricht, zeigt, dass er bzw. sie die Risiken des bzw. der anderen mit im Blick hat. Du wirst herausfinden, wie gut sich dein Gegenüber mit der Materie auskennt. Dazu brauchst du auch selbst Vorwissen. Es ist an dir, Vertrauen zu schaffen. Das geht nur mit Kommunikation.

Wenn du dir jedoch weiter unsicher bist, ist das kein Drama. Nutz einfach (zusätzlich) Kondome bzw. denk als HIV-Negative*r darüber nach, PrEP zu nehmen! Damit hast du (bezogen auf HIV) deinen Schutz selbst in der Hand.

Vielleicht gehörst du auch zu denen, die mit jenen, die sich als negativ bezeichnen, eher keinen Sex ohne Kondom haben wollen. Das letzte Testergebnis kann schon eine Weile zurückliegen und nicht immer ist klar, was seitdem passiert ist. Denkbar ist durchaus, dass jemand nichts von einer möglichen Infektion weiß und sich selbst für negativ hält.

Und im Darkroom? Da lassen sich all diese Dinge kaum ausführlich besprechen. Willst du sicher gehen, setz hier auf Kondome und PrEP! Wir alle kennen beim Daten oder beim anonymen Sex Situationen, in denen die Kommunikation über Safer Sex nicht gut funktioniert (hat). Hier ist Schutz durch Therapie möglicherweise nicht die geeignete Methode und du musst dich/euch anderweitig schützen.

Wenn im Nachhinein noch Unsicherheiten aufkommen: Frag dein letztes Date nach Immunstatus, Viruslast und STIs. Das funktioniert am besten ohne jeden Vorwurf. Wenn das keine Gewissheit bringt, hast du immer noch die Option, innerhalb von 48 Std. eine PEP zu machen.

Soll ich mich vor dem Sex eigentlich als positiv outen?

Ganz klar: Den eigenen Immunstatus vorm Sex immer offenzulegen – damit fahren alle Beteiligten am besten. Idealerweise sprechen alle offen über Schutz, Positiv- und Negativsein, Therapie und STIs, einigen sich und machen den Sex, der ihnen gefällt. Das ist dann für beide Seiten so safe wie vereinbart.

Den eigenen positiven HIV-Status offenzulegen, ist ein großer Vertrauensbeweis. "Meine Therapie – Dein Schutz" funktioniert nur mit dieser Offenheit. Das bedeutet jedoch nicht, alle Last und Verantwortung für Safer Sex läge beim HIV-Positiven. Das widerspräche jedem Gedanken von gemeinsamer Verantwortung. Die Vorstellung, die Verantwortung beim Sex voll und ganz an die oder den HIV-Positiven abzugeben, befremdet dann auch manche Negative: Sie fühlten sich so schlicht entmündigt.

Was ist, wenn der oder die HIV-Positive die Medikamente manchmal zu spät einnimmt oder einmal vergisst?

Die Einnahme muss nicht minutengenau erfolgen, sondern verträgt durchaus gewisse Abweichungen vom Zeitplan. Wenn einzelne Einnahmen verzögert erfolgen oder vergessen werden, gefährdet das nicht gleich den Therapieerfolg und es entsteht auch kein höheres Übertragungsrisiko. Vergisst man die Einnahme aber häufiger, kann die Viruslast wieder steigen – und damit das Übertragungsrisiko. Im Zweifel sollte man darüber mit dem behandelnden Arzt sprechen.

Kann ich mich wirklich sicher fühlen, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind?

Die Fakten und Daten sprechen für sich. Also lautet die Antwort: Ja - du kannst Dich sicher fühlen. Das Entscheidende ist hier, zu wissen, ob die Voraussetzungen erfüllt sind. HIV-Positive Menschen können diese Fragen gemeinsam mit ihrem Arzt klären. HIV-Negative und Ungetestete müssen darüber mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin reden und sind darauf angewiesen zu vertrauen. Ob ein entsprechendes Vertrauensverhältnis besteht, muss jeder Mensch im Einzelfall für sich entscheiden. Bei flüchtigen sexuellen Begegnungen ist das sicher meist schwierig, bei engeren Bindungen ist es eher möglich.

Wir empfehlen, bei Unsicherheiten Kondome zu verwenden. Auf das Kondom verzichten sollten Paare nur, wenn beide gut informiert sind und sich mit der gemeinsamen Entscheidung wohl fühlen.

Wäre es nicht besser, zusätzlich zur Therapie auch noch Kondome zum Schutz vor HIV zu verwenden?

Die wenigsten Menschen möchten ihr Leben lang Kondome benutzen. Dass unter Therapie HIV nicht mehr übertragbar ist, eröffnet vielen Paaren die Möglichkeit zu einem freieren Sexualleben – bis hin zur Zeugung von Kindern. Sicherlich besteht die Möglichkeit bei Sexualkontakten, sich mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken. Jedoch bieten hier Kondome auch keinen 100-prozentigen Schutz. Schutz durch Therapie bezieht sich auf die Übertragung eine HIV-Infektion und ist Safer Sex.Voraussetzung hier ist, neben den bereits genannten Aspekten, dass alle Beteiligten sich wohl mit der Entscheidung fühlen, auf Kondome zu verzichten.

Was spricht noch dafür, weiterhin Kondome zu verwenden?

Bei wechselnden Sexpartnerinnen und Sexpartnern helfen Kondome, das Risiko anderer sexuell übertragbarerer Infektionen (z.B. Syphilis, Tripper und Chlamydien) zu verringern. Diese Infektionen können wiederum dazu führen, dass man sich leichter mit HIV infiziert. Dieses Risiko besteht dann aber nicht beim Sex mit HIV-Positiven, deren Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt. Deren Körperflüssigkeiten sind schließlich nicht infektiös. Relevant ist es vor allem beim Sex mit anderen Partnerinnen und Partnern, deren HIV-Status man nicht kennt. Bei nicht behandelten HIV-Positiven kann die Viruslast durch andere Infektionen erheblich steigen.

Kondome können das Risiko je nach STI und Sexpraktik deutlich senken. Lass dich regelmäßig (vierteljährlich) auf STIs checken und achte auf Symptome. Früh erkannte Infektionen sind gut behandelbar.

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