Mit Lebensstilakzeptanz zum Erfolg

Was war Anfang der 90er die Motivation, mit Herzenslust mal etwas völlig Neues in der HIV-Prävention für schwule Männer auszuprobieren?

Reinhard Klenke: Das ist aus den Sachzwängen heraus geboren. Wir haben Anfang der Neunzigerjahre eine Umfrage in den Aidshilfen gemacht und dabei festgestellt, dass nur noch etwa zehn Prozent der Kolleginnen und Kollegen – haupt- und ehrenamtlich – im Themenfeld Prävention arbeiteten. Damals, zum Höhepunkt der Aidskrise, konzentrierten sich die Kapazitäten, die wir in der schwulen Szene hatten, auf den Bereich der Pflege, Versorgung und Be­ratung. Das war der Anlass für uns, etwas Neues zu entwickeln, was das Thema HIV/Aids stärker in der schwulen Community ver­ankert. Wir initiierten einen Runden Tisch, der hieß damals Schwulen­arbeit – HIV-Prävention in NRW. Uns war sehr wichtig, dass wir nicht nur die Experten an den Tisch holen, sondern auch Menschen, die aus der Szene kamen und die unterschiedlichen Zusammenhänge repräsentierten, vom jungen Schwulen zum alten, vom Ledermann bis zum Freier. Dabei wurden wir von Rolf Rosenbrock inspiriert. In seinem Buch Aids kann schneller besiegt werden sagt er: „Ihr müsst die Menschen mit einbeziehen, die von HIV und Aids bedroht sind, und diese sozusagen zu den Experten machen.“

Ulrich Keller: Ziel war eine lebensstilakzeptierende Prävention, um mit lustvollen, kreativen, aber nicht albernen Aktionen wieder mit bestimmten Szenen in Verbindung zu kommen. Im Vordergrund sollte stehen, wie sich derjenige am besten auch selbst­bestimmt schützen kann.

Ulrich Keller, Vorstand der Aidshilfe NRW und Reinhard Klenke, stellv. Landesgeschäftsführer (Foto: vvg-koeln.de)

Was macht diese Einbeziehung von Alltagsexpertenso wertvoll?

Reinhard Klenke: Die Menschen mit ihrem Alltagsexperten­wissen haben uns dabei geholfen, schon sehr frühzeitig zu entdecken, was zukünftig unsere Themen sein werden. Beim ersten Runden Tisch hatten wir zum Beispiel das Thema, wie gehen wir damit um, dass Schwule älter werden. Warum soll ich mich, wenn ich 60 oder älter bin, noch um HIV oder Aids kümmern? Oder die Frage, wie wir mit Positiven umgehen. Prävention funktioniert nicht mit plakativen Botschaften, das war uns klar. Wir müssen eine personalkommunikative Kampagne kreieren, bei der das Thema Solidarität im Vordergrund steht. Sie darf mit ihren Präventionsbotschaften keine Menschen ausgrenzen, sondern muss sie da abholen, wo sie sind, und mit einbinden. Die offene Art, mit der wir den Runden Tisch gestaltet haben, hat auch dazu beigetragen, dass Teilnehmer, auch von den Alltagsexperten, da ihr Coming-out als Positive hatten. Das war ein ganz wichtiger Punkt: Nicht ausgrenzen, sondern einen Raum geben.

Ulrich Keller: Ich kann mich noch an einen Runden Tisch 2004 zu Schwule und Internet sehr gut erinnern. Die Kneipen wurden leerer und Mitglieder der Präventionsteams, aber auch Wirte fragten: „Wie können wir die Schwulen erreichen? Wo ver­abreden die sich heute?“ Da wurde der Gedanke geboren, sich auch im Internet präventiv zu bewegen. Matthias Kuske hat einen großen Anteil daran, dass wir seit 2008 auf dem Datingportal Gayromeo als Health Supporter präsent sind. Das ist bis heute eine feste Säule unserer Prävention, gerade in NRW. Ich war gestern wieder online, und ich kann bis heute sagen, dass ich pro Stunde auch eine Anfrage beantworte. Da hat die gemeinsame Erörterung an diesem Runden Tisch eine Menge bewirkt. Wie seid ihr methodisch vorgegangen, um aus den Erkenntnissen des ersten Runden Tisches die Inhalte einer Kampagne wie Herzenslust zu formen?

Reinhard Klenke: Wir haben noch mal draufgeschaut, welche Vorstellungen von zukünftiger Präventionsarbeit bei dem Runden Tisch formuliert worden waren. Wir haben sehr schnell fest­gestellt, dass wir dazu professionelle Hilfe brauchten und haben eine Kommunikationsagentur engagiert. Zum anderen war uns klar, dass Lust und Sexualität in dieser Kampagne eine ganz große Bedeutung haben müssen. Dass die Lebens­welten der von Aids bedrohten, schwulen Männer großen Platz brauchen und HIV-Positive mit einbezogen werden müssen.  Für den Erfolg von Herzenslust war es sehr wichtig, dass wir die Unterstützung der Politik gewinnen. In meiner Zeit als Vorstand der Aidshilfe Köln habe ich miterlebt, wie das eigentlich vielversprechende Stop AIDS-Projekt eingestellt werden musste, weil es keine Förderung gab. Mit dem hochwertigen Auftritt für Herzenslust wollten wir zeigen, dass hier etwas Ernst­zunehmendes, Hochprofessionelles entsteht, das nicht nur so nebenbei gemacht wird. Damit haben wir überzeugen können. Das war der Einstieg in die Förderung aus Mitteln der ziel­gruppenspezifischen Prävention des Landes NRW.  Ein weiterer Spagat: Wir wollten mit der Kampagne sowohl die Schwulen in den Metropolen als auch auf dem Land ansprechen. Die Kampagne musste in Siegen, Bielefeld oder Paderborn genauso greifen wie in Köln oder Düsseldorf. Das ist uns meist gelungen, aber man musste sich in den Metropolen eine eigene Marke aufbauen, mit der man sich vor Ort identifizieren konnte. Doch die Grundbotschaften, die wir mit Herzens­lust vermitteln wollten, waren bei den Health!angels in Düsseldorf genauso vorhanden wie bei Check Up in Köln, den Gummibärchen in Bonn oder den Wilden Trieben in Gelsen­kirchen und Bochum.

Wie haben sich die Strategien von Herzenslust im Laufe der Zeit weiterentwickelt?

Reinhard Klenke: In den Anfangsjahren haben wir sogenannte Störaktionen gemacht. Wir sind mit auffälliger Kostümierung in die Kneipen gegangen, haben Cruising Packs verteilt, Leute in Gespräche verwickelt und über HIV und Aids aufgeklärt. Präventainment machen wir immer noch, doch mittlerweile haben wir es um das Themenfeld Präventionsberatung ergänzt. Und wir ent­wickeln neue Strategien, die Vor-Ort-Arbeit den neuen Bedingungen anzupassen, etwa mit dem Health Support auf Gayromeo, aber im weiteren Sinne auch mit Socke & Schuss auf Facebook. Wir wollten mit Herzenslust nicht nur primärpräventive Botschaften vermitteln. Der Bereich, den wir strukturelle Prä­vention nennen, war für uns immer genauso wichtig. Dass man Bedingungen schafft und vorfindet, in denen Präventionsarbeit überhaupt möglich ist. Wir haben uns deshalb mit dem Älterwerden in der Community auseinandergesetzt oder vor etwa 15 Jahren bei der Zukunftsfabrik watch out … and dream schwulen Jugendlichen die Möglichkeit gegeben, mal darüber nach­zudenken, wie ihre Zukunft in der Community aussieht. Da kamen so Ideen wie „Wir brauchen eigene schwul-lesbische Jugendzentren“. Das war im Prinzip der Anstoß zur Gründung des anyway in Köln und der anderen fünf schwul-lesbischen Jugend­zentren, die es heute in NRW gibt.

Was konnten die Szenebetreiber mit ihrer Erfahrung in die Arbeit von Herzenslust einbringen?

Reinhard Klenke: Ich stamme selbst aus einer Kneipiersfamilie, ich weiß also, welch hohe „sozialarbeiterische Kompetenz“ viele Wirte oder Saunabetreiber haben. Wir haben beim ersten Runden Tisch sehr darauf geachtet, dass Vertreter aus der kommerziellen Szene anwesend waren. Ein Kneipenwirt, der als Experte ernst genommen wird, hat einen ganz anderen Zugang zu Präventionsarbeit. Weil sie sich mit dem Projekt identifiziert haben, haben sie uns unterstützt, mitunter auch finanziell. Sie haben uns auf viele Entwicklungen hingewiesen: „Passt mal auf, hier im Drogenbereich passiert etwas, wo ihr mal genauer draufschauen müsst“, oder sie haben organisiert, dass Cruising Packs ausgelegt wurden oder Informationsflyer verfügbar waren.

Ulrich Keller: Und zwar an den richtigen Stellen. Wir hätten die natürlich schön auf den Tresen gestellt. Die Wirte sagten, „legt sie dahinten um die Ecke aus, wo es keiner sieht. Da nehmen die Leute sie eher mit“. Oder sie sagen uns, „kommt am besten dann und dann, da ist hier am meisten los“. Wichtig war den Wirten immer, dass eine Kontinuität mit unserer Vor-Ort-Arbeit verbunden war. Also nicht dreimal kommen und dann ein halbes Jahr oder ein Jahr lang gar nicht. Weil dann auch die Gäste fragen: „Wann kommt denn das Herzenslust-Team mal wieder, das war neulich ein gutes Gespräch, die Aktion mit dem Tisch war doch ganz nett …“

Ein wichtiger Baustein von Herzenslust sind heute die Trainings für Ehrenamtler. Wie hat sich dieser Bereich entwickelt?

Reinhard Klenke: Die Trainings für Ehrenamtler haben am Anfang nicht so eine große Rolle gespielt. Wir haben das erst später erweitert, als wir gemerkt haben, dass wir auch Präventions­beratung brauchen, die noch eine zusätzliche Qualifikation, noch zusätzliches Wissen und Kenntnisse erfordert. Da haben wir angefangen, eigene Trainingskonzepte aufzubauen.

Ulrich Keller: Gerade im Internet bekommst du erst nach zwei, drei Chats heraus, was der Ratsuchende eigentlich will. Manchmal fängt es ganz harmlos an, und auf einmal kommt raus, dass er letzte Woche einen Risikokontakt hatte und wissen will, wie er sich denn jetzt verhalten soll. Da musst du als Health Supporter gut aus­ge­bildet sein, um in der Situation angemessen zu reagieren.

Reinhard Klenke: Wir haben Leute, die seit 20 Jahren bei Herzenslust unterwegs sind. Bei allen war es immer so, dass sie für sich eine so hohe Befriedigung aus der Arbeit in dem Projekt gezogen haben, dass für sie auch tatsächlich ein Benefit drin war. Durch die Tatsache, dass sie Leute kennengelernt haben, dass sie viel leichter in die Szene kamen, dass sie da durch ihre ehrenamt­liche Arbeit eine Bedeutung hatten, oder dass sie, was wir jetzt mit den Trainings anbieten, Wissen vermittelt bekommen, das sie teil­weise auch beruflich weiterverwenden können.

Wie hat sich die bewusste Einbeziehung von HIV-Positiven auf die Arbeit von Herzenslust ausgewirkt?

Reinhard Klenke: Unser Thema war von Anfang an Solidarität. So ist es uns gelungen, dass ein großer Teil der Mitarbeiter in den Herzenslust-Projekten auch offen HIV-positiv war, was wesentlich zur Sichtbarkeit des Themas innerhalb der Community bei­­getragen hat. Wir haben eine sehr enge Verzahnung mit der Positivenselbsthilfe. Bei manchen Themen müssen Prävention und die Positivenselbsthilfe noch die Brücke finden. Gerade bei Schutz durch Therapie merkt man sehr stark, dass es da noch Kommunikationsbedarf gibt.

Ulrich Keller: Ich fand es immer wichtig, dass Positive dazu beigetragen haben, dass wir draufschauen, welche Präventionsbotschaften wir vermitteln. So haben wir zum Beispiel nie den Anspruch an uns gestellt, jede Infektion verhindern zu wollen. Das ist nie unser Ziel gewesen.

Reinhard, du bist seit der Entwicklung der Kampagne dabei, Ulrich, du seit 15 Jahren bei Herzenslust. Woher bezieht ihr nach so langer Zeit immer noch so viel Tatkraft für eure Arbeit?

Reinhard Klenke: Ich bin in den unterschiedlichsten Zusammenhängen immer wieder Menschen begegnet, die hoch motiviert, superkreativ und unheimlich authentisch waren. Und die Arbeit mit und in der Community in den Vordergrund gestellt haben. Das motiviert mich heute noch.

Ulrich Keller: Das liegt an den Menschen, den Begegnungen, den Themen. Das Ehrenamt bei Herzenslust macht wirklich Sinn und Spaß. Das ist etwas ganz etwas anderes als das, was ich beruflich mache. Es gibt immer wieder neue Herausforderungen, und hier kommen viele kreative Köpfe immer wieder zusammen. Da sind im Laufe der Jahre auch Freundschaften entstanden.

Wo seht ihr Herausforderungen in der Zukunft?

Ulrich Keller: Der Kölner Wolfgang Niedecken hat in einem anderen Zusammenhang mal einen schönen Satz gesagt: „Man kann nicht ständig das Rad neu erfinden, man muss es nur ständig am Rollen halten.“ Und ich denke, die Idee von Herzenslust hat nach wie vor Bestand, auch nach 20 Jahren. Das personalkommunikative Konzept, die Lebensstilakzeptanz, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Dass man immer versucht, das Rad originell laufen zu lassen. Nach 20 Jahren hat man die Gewissheit, dass das auch klappt. Uns ist immer etwas eingefallen, wir haben immer irgendwie re­agieren können, wir haben immer passende Antworten ge­funden. Mit der Mannschaft, die wir in der Landesgeschäftsstelle haben, und den ganzen Herzenslust-Gruppen im Lande habe ich gar keine Angst, dass das nicht auch noch weitere 20 Jahre funktionieren könnte. Wir hoffen allerdings, dass es vielleicht nicht noch 20 Jahre funktionieren muss. Weil es vielleicht dann ent­sprechende Medikamente oder Impfungen gibt.

Reinhard Klenke: Ich denke, wir haben mit Herzenslust wirklich viel erreicht und auch verändert. Ich habe ein bisschen Angst, dass wir dazu neigen, uns dankbar und zufrieden zurückzulehnen. Es gibt viele Anzeichen für einen „Rollback“ in der Gesellschaft, dass vieles, das wir mühsam gemeinsam erarbeitet und erkämpft haben, von anderen wieder einkassiert wird. Wenn man nicht ständig wieder neu erkämpft oder neu hinterfragt, was wir da erreicht haben, könnte uns das durchaus blühen. Ich hoffe mal sehr, dass es Herzenslust mit diesen Aufgaben in 20 Jahren nicht mehr geben muss, aber dass sich die Methode Herzenslust fortsetzt, in anderen Zusammenhängen, in anderen schwulen Lebenswelten.

Das Interview führte Torsten Bless mit Reinhard Klenke, stellv. Landesgeschäftssführer der Aidshilfe NRW und Ulrich Keller vom Vorstand des Landesverbandes.

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