"kreathiv - präventhiv" 2017 - Dokumentation

Am 20. Mai 2017 fand in der Eventlocation des Kölner Zoos der 23. Runde Tisch „kreathiv präventhiv“ statt. 33 Haupt- und Ehrenamtliche der einzelnen Herzenslust-Projekte sowie der lokalen Aidshilfen, Kollegen aus Beratungsstellen und engagierte Einzelpersonen aus der Community fanden sich zusammen, um über die neue, bundesweite Kampagne der Deutschen AIDS-Hilfe „Kein Aids für alle!“ zu diskutieren und dazu kreative Ideen für Herzenslust-Präventionsprojekte in NRW zu entwickeln, weiterzudenken oder auch zu verwerfen.

Ulrich Keller (Vorstandsmitglied der Aidshilfe NRW) begrüßte die Teilnehmenden und eröffnete den 23. Runden Tisch mit einem Verweis auf die Besonderheiten dieses Formats, welches unter anderem  das Herzenslust-Projekt hervorgebracht habe. Besonders machen den Runden Tisch die Zusammenkunft von Fachleuten und Alltagsexpert*innen, verbunden durch ihre schwule Identität,  die besonderen Tagungsorte, die den kreativen Austausch fördern sollen und die Behandlung aktueller Fragestellungen, um auch zukünftig angemessen und zeitgemäß auf die Herausforderungen in der Präventionsarbeit vor Ort zu reagieren.

Zudem führte Ulrich Keller in das Thema des diesjährigen Runden Tisches ein: Die neue, erst kürzlich gestartete Kampagne „Kein Aids für alle! Bis 2020!“ der DAH. Der Kampagne liegt das Ziel zugrunde, dass ab 2020 in Deutschland kein Mensch mehr an Aids erkranken müsse und demnach auch nicht mehr daran sterben müsse, denn die Krankheit forderte in den letzten 30 Jahren viele tausend Tote, auch in Deutschland. Dies müsse nicht mehr sein und daran schließe die Kampagne an. Im Zuge dessen wurde zu einer Gedenkminute für die an Aids verstorbenen Menschen aufgerufen.

In der darauffolgenden Begrüßung durch Marco Grober (Sprecher LAG Schwule/Herzenslust, Düsseldorf) wurden die Ziele dieses Zusammenkommens vorgestellt. Es solle mit neuen und kreativen Perspektiven an dem Thema gearbeitet werden: Was kann Herzenslust und die Präventionsarbeit leisten und verändern, neu ausprobieren oder provozieren, um das Ziel „Kein Aids für alle! Bis 2020“ zu erreichen?

Vorstellung der Kampagne "Kein Aids für alle! Bis 2020!"

Bevor die kreative Gruppenphase beginnen sollte, stellten Christian Zacharias (Sozialwissenschaftler und bundesweiter Veranstaltungskoordinator für IWWIT) und Matthias Kuske ( Koordinator ESTICOM Trainingsprogramm Deutsche AIDS-Hilfe) die Präsentation des Auftaktsymposiums der Kampagne vom 12. Mai 2017 "Kein Aids für alle! Bis 2020!" vor. Zudem wurde ein rund zweiminütiger Visionstrailer eingespielt. Die Präsentation thematisierte vornehmlich die Visionen der Kampagne, das vorgegebene UNAIDS-Ziel, Aids bis 2030 zu beenden, schon zehn Jahre früher erreichen zu wollen. Doch auch mögliche Hindernisse auf dem Weg dorthin wurden benannt. Obwohl die medizinischen Voraussetzungen gegeben seien, erkranken in Deutschland noch immer ca. 1.200 Menschen jährlich an Aids und mehr als 3.000 Personen infizieren sich mit HIV. Dies läge größtenteils an Angst: Angst vor einem positiven Testergebnis, Angst vor Stigmatisierung und Angst vor den Auswirkungen einer HIV-Infektion.

Maik und Regina sind die Rollenmodelle der Kampagne. Ihre Geschichten (beide waren zwischenzeitlich an Aids erkrant) spiegeln einerseits die Dimension der nach wie vor verbreiteten Furcht und andererseits den Bedarf an Aufklärung, Sensibilisierung und nötigen Schulungsmaßnahmen zum Thema HIV/Aids wider. Maik, offen schwul, ging trotz offensichtlicher Anzeichen jahrelang nicht zum Test und wurde weder von seinen Freunden noch von seinen Ärzt*innen, darunter auch ein schwuler Arzt, dazu anmiert. Die Angst vor Stigmatisierung veranlasste ihn, sein HIV-Risiko zu verdrängen. Genau dort solle die Kampagne ansetzen: bei der Frage warum Menschen nicht zum Test gehen? Was sie davon abhält bzw. was sie motivieren können, ihre Angst zu überwinden? Als heterosexuelle Frau fiel Regina einfach durch das Raster der Ärzt*innen Trotz stark auftretender Symptome wurde ihr Blut nie auf HIV untersucht. Noch immer herrscht das Vorurteil, HIV und Aids trete nur bei schwulen Männern, intravenösen Drogengebraucher*innen und Sexarbeiter*innen auf. Auch Regina selbst kam aufgrund dieser Grundannahme nicht auf die Idee, sich testen zu lassen.

Der Bedarf an Schulungen, weiterer Aufklärungsarbeit und einer niederschwelligen Ansprache für die Allgemeinbevölkerung, Mediziner*innen aber auch für Politiker*innen ist demnach groß. Aus diesem Grund zählen diese Personengruppen auch zur Kernzielgruppe der neuen Kampagne. Die konkreten Maßnahmen der Kampagne reichen von routinemäßigen Testwochen (einmal pro Jahr) für schwule und bisexuelle Männer und dem Ausbau des Testangebots in Gefängnissen über die Sicherstellung der medikamentösen Versorgung für Menschen ohne Krankenversicherung oder die Programmierung einer Software für Ärzt*innen, die bei bestimmten Symptomen einen HIV-Test vorschlägt, bis hin zu Gesundheitsprogrammen für Tier (meist Hunde) und Mensch, um Drogenkonsumierende zu Vorsorgeuntersuchungen zu bewegen (viele Drogengebraucher*innen kümmern sich liebevoll um ihre Tiere, vernachlässigen aber ihre eigene Gesundheit).

Im Anschluss an die Vorstellung der Kampagne kam aus dem Plenum die Frage, wie mit Geflüchteten bzw. Menschen ohne Papiere umgegangen werden könne. Ob es rechtlich erlaubt sei, diese Menschen zu Einrichtungen zu schicken, um einen Test machen zu lassen, obwohl sie möglicherweise keinen legalen Aufenthaltsstatus besitzen. In Deutschland ist dieses problematisch, antwortete Matthias Kuske. Auch sei es nicht ohne Weiteres möglich, sie im Bedarfsfall mit HIV-Medikamenten zu versorgen. In anderen europäischen Ländern sei eine staatlich finanzierte HIV-Vorsorge und medikamentöse Versorgung für Menschen ohne Papiere möglich. Es wurde angeführt, dass dies jedoch unbedingt notwendig sei und dafür dringend politische Grundlagen geschaffen werden müssten. Nicht einmal Gesetzesänderungen müssten dafür vorgenommen werden, so die Einschätzung Kuskes. In Deutschland würde schlicht der politische Wille dafür fehlen und klare Zuständigkeiten würden nicht gesehen.

Eine weitere Anmerkung zur Kampagne bezog sich auf den Bereich Justizvollzugsanstalten. Der Teilnehmende äußerte seine Enttäuschung darüber, dass für Inhaftierte zwar Testangebote bereitgestellt werden sollen, doch Zugangsangebote, also die Bereitstellung von Kondomen und vor allem sauberen Spritzen, noch immer nicht geleistet werden.

Zudem gab es eine Rückmeldung zum Wording. Es solle unbedingt darauf geachtet werden, wie und was nach Außen kommuniziert und welche Normen damit übermittelt werden sollen. Beispielhaft wurde diess an dem erweiterten Slogan der Kampagne festgemacht: Es solle besser heißen "Niemand muss an Aids erkranken müssen". Damit würde weniger Druck vermittelt werden und dies würde in weniger Angst vor dem Test resultieren.

Weiterhin wurde angemerkt, dass es einer stärkeren Normalisierung in Bezug auf den Umgang mit dem Wahrhaben der Diagnose HIV/Aids bedürfe, um ihr so den Schrecken zu nehmen. Die alten Bilder und Ängste vor einer HIV-Infektion führen immer noch zu oft dazu, dass eine Diagnose viel zu spät gestellt wird.

Ein Teilnehmender ist der Meinung, dass die Ziele, Maßnahmen und die Strategie der neuen Kampagne letztendlich nichts Neues seien und die Deutsche AIDS-Hilfe oder andere Akteure in diesem Feld dies alles schon lange anwenden. Dieselbe Person kritisierte, dass der Begriff der Prävention in der Kampagne fehle. Es gebe erfolgreiche Prävention und diese müsse weiterhin verfolgt werden. Geantwortet wurde darauf, dass dies durch die Kampagne plakativ ins Gedächtnis gerufen werden solle, um Initiativen kreativ werden zu lassen, und um Aufbruchstimmung zu erzeugen. Die Kampagne solle eher visionär wirken und einen provokativen Anfang darstellen.

Mehrere Teilnehmer forderten eine stärkere Einbeziehung von Politiker*innen, um Präventionsarbeit weiterhin gefördert zu bekommen und um den Fokus nicht allein auf Medikamente zu legen. Es sei möglich, dass die Zahlen nicht weiter sinken werden, weil der Faktor Mensch und dessen Irrationalität nicht zu unterschätzen sei. Dennoch sei es gut, sich in Erinnerung zu rufen, dass theoretisch niemand mehr an Aids erkranken müsste.

Zum Ende dieses Themenblocks wurde das Video von Rollenmodell Maik eingespielt, in dem er von seinen HIV-bedingten Krankheiten, seiner Angst vor dem Test und der einhergehenden "trügerischen Scheinwelt" und von seiner neuen Lebensqualität nach seiner Diagnose berichtet. Er möchte mit seiner Geschichte anderen Menschen Mut machen, denn ihm habe ein solches Rolemodel gefehlt.

Wie wir Aids bis 2020 beendet haben Teil1: Eine Rückschau aus 2021
World-Café 2: Ein Partnerbenachrichtigungssystem für Herzenslust?

In diesem World Café waren die Themen Anonymität und Datenschutz besonders präsent. „Wie kann verhindert werden, dass mit meinen Daten oder mit denen meiner Sexpartner Missbrauch betrieben wird?“, wurde beispielsweise gefragt. Kontrovers diskutiert wurde, ob Herzenslust eine Plattform anbieten („Herzenslust informiert meine Partner“) soll. Wenn dieses geplant würde so sei darauf zu achten, dassdiese vertrauenswürdig ist und größtmöglichen Schutz der Privatsphäre bietet. Ebenso blieb die Art  der geeigneten Benachrichtigungsform offen. Es könne per SMS, E-Mail oder via Dating Apps und anderer Plattformen erfolgen. Außerdem wurde die Art des Nachfassens kontrovers diskutiert: solle man sich an den USA oder Großbritannien ein Beispiel nehmen und sich nicht zurückmeldende Personen hinterher abtelefonieren? „Nein, auf keinen Fall!“, war die einhellige Antwort hierauf.

Ein Partnerbenachrichtigungssystem könne ein wichtiger Baustein für den Zugang zu Test und Behandlung erleichtern, war eine andere Meinung. Dabei solle jedoch beachtet werden, dass dieses System beispielsweise in eine Kampagne für Entstigmatisierung von STIs eingebunden werde, um ganzheitlich zu wirken. Zur Sicherstellung des Erfolgs und der Qualität des Projekts solle nach einem positiven Ergebnis unbedingt eine Weiterleitung an das Gesundheitssystem zur Behandlung und an geeignete Vor Ort-Projekte erfolgen. Dies empfanden die Teilnehmenden als sehr wichtig.

Als besondere Herausforderung wurde kritisch gesehen, wie ein Empfänger einer solchen Benachrichtung reagiert und wie seine Begleitung aussehen soll. Ein Herzenlaust-Benachrichtigungssystem wurde dabei nicht per se abgelehnt, aber kontrovers eingeschätzt. Einig waren sich die Teilnehmer darin, dass grundsätzlich die persönliche Kommunikation immer gestärkt werden soll: „Ich benachrichtige meine Sexpartner selber.“ Im Mittelpunkt der Arbeit von Herzenslust solle stehen, Männer darin zu unterstützen, befähigen und zu stärken, ihre Sexpartner bei einem positiven Testergebnis selber zu informieren.

Wie wir Aids bis 2020 beendet haben Teil1: Eine Rückschau aus 2021
World-Café 2: Ein Online-Risiko-Check für Herzenslust

In dieser Gruppe gab es geteilte Meinungen zu solch einem Vorhaben. "Kann ein Online-Tool die richtige Maßnahme für eine Risikoeinschätzung sein?", kam als Frage auf, um im Anschluss daran festzustellen, dass die Kommunikation in punkto Routinetests angemessener sei als im Bezug zu Risikotests. Kritisch angemerkt wurde außerdem, dass (Online-)Fragebögen grundsätzlich zu wenig individuell seien, um angemessen das Risiko einzelner Personen abzufragen. Der Wegfall oder die Reduzierung der persönlichen und direkten Kommunikation, eigentlich eine Schlüsselqualität von Herzenslust, wurde ebenfalls als kritisch angesehen.

Der niedrigschwellige Zugang eines solchen Online-Risiko-Tests wurde von einigen Teilnehmenden als positiv eingeschätzt. Ebenso die damit verbundene Entlastung für den Health Support. Außerdem wurde in diesem Zusammenhang angemerkt, dass ein solcher Online-Test eine weitere Komponente der Präventionsarbeit darstellen könne, dies jedoch nur in Kombination mit anderen Maßnahmen.

Die Themen "Datensammlung und Datenschutz" wurden auch hier intensiv diskutiert. Als interessant und aufschlussreich wurde das Erfassen von Daten der Herzenslust-Zielgruppe angesehen. Das Anbieten von alternativen Beratungsformen sei wichtig, um zeitgemäß zu bleiben. Die Aussage: "Ein Online-Risiko-Check tut keinem weh, ist aber enorm aufwändig und teuer. Die Ressourcen könnten sinnvoller eingesetzt werden", spiegelt die Meinung vieler Teilnehmer wider. 

Wie wir Aids bis 2020 beendet haben Teil1: Eine Rückschau aus 2021
World-Café 3: Welche Möglichkeit hat Herzenslust den Selbsttest und den Einsendetest zu begleiten?

Wichtig war vielen Teilnehmenden bei diesem Thema, das  Empowerment-Element der Selbst- und Einsendetests mit fachlicher Begleitung zu verbinden, und dies so niederschwellig wie möglich.

Dazu wurde angemerkt, dass die Tests erschwinglich sein müssten (15€ wurden als bezahlbar angesehen), Informationen und Verweisung in der Packungsbeilage vorhanden sein sollten, es ein User-Video geben könne und Live-Chats/Skype-Beratung eingerichtet werden sollten. Für einen langfristig niedrigen Preis müssten Sponsoren gefunden werden. Der Test müsse in verschiedene Sprachen übersetzt werden und Apotheken sowie Drogeriemärkte, die diesen Test verkaufen, müssten von Herzenslust in Sachen Verweisung geschult werden. Kritisch angemerkt wurde, dass die Fokussierung allein auf HIV läge, es aber unbedingt auch Selbsttests für die anderen STIs geben müsse.

Weiterhin wurde vorgeschlagen, die Tests in den Aidshilfen zu verkaufen, um gleichzeitig auch Beratung anbieten oder bei einem positiven Testergebnis die erste Anlaufstelle darzustellen zu können.
Auch Pro- und Kontra-Informationen zum Selbsttest sollten in diesem Zuge aufbereitet werden. Diese Informationen könnten in einer Health Care App integriert sein.
Als eine weitere Ausgabestelle wurden Selbsttest-Automaten in der Szene vorgeschlagen.

Zur Erfolgssicherung müsse es eine Evaluation der Selbsttests geben. Wie diese einzuholen sei, darüber müsse noch weiter nachgedacht werden. Außerdem sei auch hier wichtig, Angst vor dem Test und der Infektion/Krankheit abzubauen und zu entdramatisieren.

Wie wir Aids bis 2020 beendet haben Teil1: Eine Rückschau aus 2021
World-Café 4: Eine PrEP-App für Herzenlsut! | Die PrEP ist eine sexuelle Revolution!

Eine PrEP-App für Herzenslust empfanden nahezu alle Teilnehmenden als gute Idee. Da die PrEP für das Sexleben (einiger) schwuler Männer immer bedeutsamer werde und damit eine weitere offizielle Präventionsstrategie darstelle, wäre eine PrEP-App ein zeitgemäßes Tool in der Präventionsarbeit. Die App könnte sowohl FAQs mit allgemeinen Hintergrundinfos enthalten (Zugangswege, Kosten etc.) wie auch medizinisches Grundwissen vermitteln (z. B. zur Verträglichkeit, zu Wechselwirkung mit anderen Medikamenten). Darüberhinaus wären Hinweise zur medizinischen Begleitung sehr wichtig (regelmäßige HIV/STI-Tests, Check der Nierenfunktion). In diesem Zusammenhang wurde ein Notfall-Button als Vorschlag eingebracht, der direkt zu einem persönlichen Chat weiterleiten könnte, falls persönliche Beratung gewünscht werde. Dies alles könnte interaktiv und spielerisch aufgebaut sein, damit es sich bei der App nicht nur um einen reinen Informationsdienst handele.

In die selbe Richtung ging die Idee, eine Kalenderfunktion einzubauen für die anlassbezogene PrEP-Einnahme. Wichtig sei trotzdem, dass PrEP als zusätzliche und nicht als ausschließliche Präventionsstrategie gehandhabt werde und dies in der Präventionsarbeit auch so kommuniziert würde (z. B. schützt sie nicht vor anderen STI).

Es wurde sich für einen "niedrigschwelligen Zugang" zur App ausgesprochen, das hieße auch, einen leicht verständlichen Sprachduktus zu wählen. Außerdem wurde eine Übersetzung in mehrere Sprachen angeregt. Es müsse außerdem regelmäßige Updates geben.

Als finales Ziel wurde auch hier eine umfassende Health Care App vorgeschlagen, in die die PrEP App eingebunden sein könnte.

Wie wir Aids bis 2020 beendet haben Teil 2: Haltung, Strategien und Kommunikation
Workshop 1: Bereiche der Präventionsarbeit

Die erste Gruppe beschäftigte sich vor allem mit der Frage, welche Bereiche Präventionsarbeit idealerweise umfassen müsste. Sie müsse z. B. Migration, den sozioökonomischen Hintergrund und Datenschutz mitdenken. Außerdem müsse über die Erhöhung der finanziellen Ressourcen der Präventionsarbeit nachgedacht werden, wie auch über andere Zielgruppen bzw. müsse eine Zielgruppenerweiterung stattfinden. Es solle nicht nur HIV im Fokus stehen oder das Beenden von Aids, sondern beispielsweise sollten auch die psychischen Probleme, die in der Zielgruppe auftreten können, behandelt werden.

Die Gruppe forderte die stärkere Durchsetzung der Kleinschreibung von „Aids“, weil durch die Großschreibung der Krankheit eine zu mächtige Bedeutung beigemessen werde und damit einer Entstigmatisierung im Wege stehe.  Ferner wurde der Heim-/Selbsttest aufgrund der noch unklaren Strategie dahinter kritisiert. Es fehle außerdem an Informationen zu Gefahren diesbezüglich. Menschen mit Migrationshintergrund sollten sowohl in die Vor-Ort-Arbeit als auch in die Vernetzungsarbeit miteinbezogen werden, und dies nicht nur als Übersetzer*innen. Sie könnten beispielsweise als Multiplikator*innen fungieren.

Die Präventionsarbeit durch Fachpersonal müsse darüber hinaus Schulen, Schüler*innen aber auch Sportvereine etc. für das Thema HIV/Aids sensibilisieren, um Stigma und Diskriminierung zu reduzieren.

Eine provokante Forderung der Gruppe war die Entmachtung der Kirche, da diese noch immer Diskriminierung gegen Homosexualität betreibe.

Ziel müsse sein, HIV/Aids aus der „Schmuddelecke“ zu holen, z. B. durch „Sexbotschafter*innen“, die ähnlich wie die Zeugen Jehovas von Tür zu Tür gehen.

Zusammenfassend appellierte die Gruppe daran, Geduld zu haben, Rückschläge mitzudenken und Zugangsstrategien für Menschen ohne Smartphones zu berücksichtigen.

Rückfragen aus dem Plenum an die Gruppe betrafen vor allem den Einbezug der Kirche in die Präventionsarbeit. Es wurde beispielsweise hinterfragt, ob es sinnvoll sei, die Kirche anzugreifen oder ein Ignorieren der bessere Weg sei. Auf jeden Fall solle versucht werden, Menschen auch auf anderen Wegen zu erreichen, außerhalb des kirchlichen Kontextes.

In der Advocacy-Arbeit müsse die Kirche unbedingt mitgedacht werden, so die Antwort der Gruppe aber auch die Meinung der Mehrheit des Plenums. Es sollte ein langfristiger Dogmenwechsel in der Kirche angestrebt werden, denn es gebe gläubige Homosexuelle und auch gläubige Menschen mit HIV, die durch Tabuisierung, Stigmatisierung und ein Gefühl des Nicht-Willkommen-Seins nicht wissen, wohin sie sich wenden können.

Wie wir Aids bis 2020 beendet haben Teil 2: Haltung, Strategien und Kommunikation
Workshop 2: Mehr als HIV-Prävention

Die Gruppe zwei beschäftigte sich mit der Frage, wie Präventionsarbeit im Jahr 2020 aussehen solle. Die Präventionsarbeit müsse HIV und Aids betreffen, aber auch alle anderen STIs behandeln und das Leben mit HIV oder Aids. Außerdem gehöre die Reduzierung von Stigma zu den Hauptaufgaben. Dies solle geschenen durch:

  • Streetwork in der Community
  • Apps und andere Social-Media-Kanäle
  • Schulungen für Ärzt*innen und öffentliche Ämter
  • mehr öffentliche Veranstaltungen (z. B. Festivals)
  • Fernsehwerbung
  • „Mund zu Mund-Propaganda“
  • Broschüren
  • Verteilung aufregender, ansprechender Give-Aways auf Partys (klassische Cruising Packs, Selbsttests, Flyer, Armbänder, Sticker, Bierdeckel, etc.)
  • Youtuber bzw. sogenannte „Influencer“ ins Boot holen (Blogger), um breite Masse zu erreichen
  • Modelabels und Models einbeziehen

Man könne außerdem Kooperationspartner finden, z. B. Bierhersteller. Nachgefragt wurde hier, wie durch Give-Aways Stigma reduziert werden könnten. Es ginge dabei um das Erreichen oder Miteinbeziehung der breiten Öffentlichkeit und darum, Zeichen zu setzen, so die Antwort der Gruppe.

Wie wir Aids bis 2020 beendet haben Teil 2: Haltung, Strategien und Kommunikation
Workshop 3: Kernkompetenzen und gesellschaftliche Akzeptanz

Die Gruppe drei war sich einig, für die Realisierung ihrer Ziele „mehr Zeit“ zu benötigen. Bezogen wurde sich hierbei auf eine gesamtgesellschaftliche Akzeptanz. Es wurden Fragen behandelt wie: Was leistet bzw. was kann Herzenslust leisten, um Aids zu beenden? Welche Haltung hat Herzenslust zum Vorhaben, Aids bis 2020 zu beenden? Was sind die Kernkompetenzen von Herzenslust und wie kann man sich zu von anderen Präventionsprojekten abgrenzen?

Einig waren sich die Teilnehmenden dieser Gruppe darin, dass man sich auf die Qualitäten von Herzenslust besinnen solle und inhaltlich deutlich machen müsse, was von Herzenslust im Hinblick auf das Ziel der Kampagne „Kein Aids für alle! Bis 2020!“ und im Hinblick auf die Zielgruppen (schwule Männer und andere Männer, die Sex mit Männern haben) geleistet werden könne. In diesem Zusammenhang kam die Frage auf, wie beispielsweise schwule „Late Presenter“/ „Spätdiagnostizierte“ erreicht werden können, denn geschätzt ein Drittel der sogenannten „Late Presenter“ sei schwul.

Wie wir Aids bis 2020 beendet haben Teil 2: Haltung, Strategien und Kommunikation
Workshop 4: Vor-Ort-Arbeit

Die vierte Gruppe beschäftigte sich mit der Vor-Ort-Arbeit und fragte sich, was diese beitragen könne, um das Ziel zu erreichen. Da die finanziellen Möglichkeiten eingeschränkt seien, müsse man kreativ werden. Man könne beispielsweise QR-Codes auf allen möglichen Gegenständen, Plakaten, Ständern, Cruising Packs etc. platzieren, die zu Risikoanalyse-Apps oder zur PrEP-App weiterleiten. Oder man könne T-Shirts mit provokanten und auffordernden Sprüchen bedrucken wie z.B. „Warst du schon beim Test?“, „Heute schon gePrEPt?“ oder „#teststi – be part of it“ -, um zumindest einige zum Nachfragen zu animieren, aber auch, um ein stärkeres Gruppengefühl zu vermitteln und damit auch mehr auf die gegenseitige Verantwortung zu bauen.

Die bewährten Mittel und Maßnahmen sollten beibehalten werden, wie z. B. Infostände bei Großveranstaltungen, Touren durch die Szene, Besuche von Partys, in Saunen oder Kneipen. Als wichtig empfand es die Gruppe vor allem, Präsenz zu zeigen.

Wie wir Aids bis 2020 beendet haben Teil 2: Haltung, Strategien und Kommunikation
Workshop 5: Die Angst vor dem Test

Die fünfte Kleingruppe setzte sich mit der „Angst vor dem Test“ auseinander und der dahinterliegenden Frage, was Menschen daran hindere, zum Test zu gehen. Es entstand die Idee, eine neue, komplementäre Kampagne mit sehr provokanten Thesen zu starten. Ziel dieser Kampagne solle die Reduzierung der Angst vor dem Test sein. Vorschläge für Claims könnten sein:

  • „Es gibt keinen Aids-Test!“
  • „ Schwule sind kein Thema mehr!“
  • „HIV ist keine Krankheit!“
  • „Schwule haben sich ausgesucht schwul zu sein!“
  • „Positive leben länger!“
  • „HIV-Positive leben gesünder!“
  • „Baresex mit einem Positiven ist sicherer als ein Kondom!“

Man müsse die Menschen möglichst früh und niedrigschwellig an den Test heranführen. Aus diesem Grund schlug die Gruppe Testaktionen an öffentlichen Schulen vor, um auf diese Weise Vorurteile abzubauen und Wissen zu erzeugen. Je früher man merke, dass ein Test nicht so schlimm sei und das Ergebnis kein Todesurteil, desto früher könne man betroffene Menschen zu einem Test bewegen.

Wie wir Aids bis 2020 beendet haben Teil 2: Haltung, Strategien und Kommunikation
Workshop 6: HIV-Selbsttest

Die Gruppe sechs diskutierte über den Selbsttest. Man müsse die Einführung und Entwicklung als Herzenslust-Projekt mitgestalten, um Einfluss darauf nehmen zu können, z. B. auf das Wording. Neben Selbsttest gebe es auch den Namen Heimtest, wovon diese Gruppe jedoch nicht viel hielt. Ein Heimtest werde zu Hause, allein und vielleicht auch geheim durchgeführt und dies sei nicht im Sinne von

Herzenslust. Weiterhin wurde über Vertriebswege beraten. Der Selbsttest könne über Checkpoints und Aidshilfen verteilt werden und mit Qualitätssiegeln versehen sein (z. B. DAH, HL oder IWWIT).

Die Durchführung des Tests könne durchaus Zuhause gemacht werden, aber auch in Beratungseinrichtungen. Im letzteren Fall müsse eine Einladungskultur etabliert werden, damit Betroffene sich willkommen fühlen. Die Teilnehmenden sprachen sich auch dafür aus, einen Schwerpunkt auf die Entstigmatisierung des Tests und der HIV-Diagnose zu legen, um mehr Menschen dazu zu bewegen, den Test durchzuführen.
Idealtypisch sehe für diese Gruppe der Ablauf des Tests folgendermaßen aus:

Der Selbsttest wird über Beratungseinrichtungen vertrieben und kann in den Räumen der Checkpoints durchgeführt werden. Die Einrichtung kommuniziert die Einladung, den Test vor Ort zu machen. Als Ziel formulierte die Gruppe den Wertewandel in der Gesellschaft, aber auch bei Herzenslust und der Aidshilfe.

Zu guter Letzt

Zum Abschluss des Tages bat der Moderator die Teilnehmenden, sich im Kreis auzustellen. Diejenigen, die zu Inhalten, Ergebnissen oder zur Atmosphäre des Runden Tisches etwas sagen wollten, konnten sich in den Kreis begeben und ihre Meinung kundtun. Je mehr die Teilnehmer mit der Aussage einverstanden waren, um so näher positionierten sie sich an der Person. Je weiter sie sich entfernten, signalisierte eine unterschiedliche Einstellung zum Gesagten.

Generell wurde am Runden Tisch das konstruktive und kreative Miteinander, das Entwickeln zahlreicher Visionen für die derzeitigen und zukünftigen Herausforderungen in der Präventionsarbeit und das weitgehende Fokussieren auf regionale Bezüge gelobt.

Der Tagungsort inkl. der Möglichkeit des Zoobesuchs kam bei allen Teilnehmenden sehr gut an.

In seinem abschließenden Statement bedankte sich Ulrich Keller für die spannenden Diskussionen, die konkreten Ergebnisse und die vielen Anregungen. Das Vorhaben, „Aids bis 2020 zu beenden“, sei ambitioniert gewesen, doch es sei erfolgreich geschafft worden, an dieser komplexen Vision stets in Bezug auf Herzenslust zu arbeiten.

Aktuelles

Erstmals deutlicher Rückgang der HIV-Neudiagnosen an großen Londoner Kliniken

NewsEs klingt nach einer kleinen Sensation: Nach Jahren mit gleich bleibenden oder steigenden HIV-Diagnosen bei schwulen Männern ist ihre Zahl im Jahr 2016 an vier großen Kliniken für...   mehr

Englischer Gesundheitsdienst NHS plant große Studie zur HIV-PrEP

NewsDer National Health Service (NHS) England will die HIV-PrEP im Rahmen einer groß angelegten Studie mit mindestens 10.000 Teilnehmer*innen finanzieren. Das gab der englische Gesundheitsdienst...   mehr

totgeschlagen - totgeschwiegen

NewsAuch 2017 luden am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz die Landesverbände zum Gedenken an die schwulen und lesbischen Opfer des Nationalsozialismus ein. Vertreter_innen des...   mehr

Für zwei Kampagnen: Deutsche AIDS-Hilfe sucht Menschen mit HIV

News Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) hat im Jahr 2017 Großes vor:  - Im Mai startet eine Kampagne zur Vermeidung von Spätdiagnosen: Bis 2020 soll in Deutschland niemand mehr an Aids...   mehr

Umfrage "Out im Office?!" 2017

NewsSeit der letzten groß angelegten Befragung zur Arbeitssituation lesbischer und schwuler Beschäftigter "Out im Office?!" sind zehn Jahre vergangen. In der Zwischenzeit hat sich einiges...   mehr

HIVreport mit dem Schwerpunktthema PrEp

NewsDer neue HIVreport mit dem Schwerpunktthema PrEp ist da. Themen sind diesbezüglich Zugang: Verfügbarkeit in Europa, Sicherheit: Generika übers Internet, PrEP nach Bedarf:  Das...   mehr

"You're Welcome - Mashallah!" ist online

News Hierbei handelt es sich um ein kultursensibles HIV/STI-Präventionsangebot für männliche Migranten, die Sex mit Männern haben. Das Projekt wird von den Aidshilfen in Bochum,...   mehr

Projektscouts für "Mitmischen in NRW" gesucht!

NewsUnter dem etwas sperrigen Titel „Landesweite Vernetzung der Selbsthilfe von Menschen mit HIV/Aids - Stärkung, Qualifizierung und Beteiligung“ hat am 1. März 2017 ein auf der...   mehr

Socke & Schuss

Wie alles begann ...

Socke & Schuss lernen sich auf tragische Weise beim Waschgang kennen und begleiten herzenslust in der schnen, schwulen Welt ...

Auf Facebook weiterlesen